Medien : Klein, kleiner, Bundesliga

Der deutsche Fußball und das deutsche Fernsehen verdienen einander

Matthias Kalle

Manchmal hilft es sich zu erinnern an etwas, das war, das so groß war, dass alles andere daneben verblasst. An ein Ereignis, das in seiner Schönheit und Anmut und Schnelligkeit und Raffinesse einzigartig war, ist und bleiben wird. Die Amerikaner haben dafür einen Ausdruck, sie sagen „bigger than life“, größer als das Leben. Das ist ein bisschen übertrieben, fest steht allerdings: Die letzte Fußballeuropameisterschaft war größer als der Sport.

Aber das Entscheidende ist, dass es diesmal die Menschen auch begriffen haben. Natürlich gab es diese Sportmomente, die größer sind als der Sport, schon tausendmal, aber entweder hat keiner zugeschaut oder die, die doch zugeschaut haben, merkten es nicht. Zum Beispiel, als Goran Ivanisevic 2001 Wimbledon gewann, auf die Tribüne stürmte und nicht mehr aufhörte zu weinen, weil er wusste, dass er gerade die logischen Regeln des Sports gebrochen hatte. Eine dieser Regeln besagt, dass der deutsche Fußball bei großen Turnieren schon irgendwie weiterkommt; diese Regel wurde von den Nowotnys und Schneiders des deutschen Fußballs außer Kraft gesetzt, dafür gilt ein neues Gesetz: Der deutsche Fußball ist nicht größer, sondern kleiner als der Sport. Und doch schauten die Deutschen die Spiele der letzten Europameisterschaft, und zwar die der Tschechen, der Holländer, der Portugiesen, der Dänen, der Schweden. Der Fußball war nicht nach Hause, sondern in der Zukunft angekommen.

Die ganze EM war ein Versprechen, und wohl deshalb wurden für die neue Bundesligasaison noch nie so viele Dauerkarten verkauft und deshalb werden ARD, ZDF, DSF und Premiere wieder einmal Fußball senden bis zum Abwinken, als ob ein Spiel wie Mainz gegen Bielefeld ähnlich begeistern könnte wie die Partie Tschechien gegen Holland. Obwohl: Es ist Sport. Man weiß ja nie.

Was man weiß, nach diesem ersten Bundesliga-Wochenende nach dem größten Fußballturnier aller Zeiten, ist, dass es so einen Auftakt wie in Bremen am Freitag noch nie gegeben hat. Und wenn man es nicht wusste, dann wurde es von Thomas Roth im „Bericht aus Berlin“ noch einmal erklärt: „Ein denkwürdiger Abend“. Und: „Ein echter Knaller“. Was die „Bild am Sonntag“ zum Anlass nahm, um ihre Anti-ARD-Kampagne weiterzuführen, denn nachdem man gerade die deutsche Rechtschreibung gerettet hat, könnte man ja jetzt das deutsche Fernsehen retten. Aber muss das wirklich sein?

Am Samstag in der „Sportschau“ erklärte Reinhold Beckmann, dass in Bremen 6000 Kilometer Kabel liegen, es an einer Muffe lag und dass es deshalb das späteste Bundesligator aller Zeiten gab. Dazu trug Beckmann das modischste Fußballmoderatoren-Outfit aller Zeiten, um dann so weiterzumachen wie es die Sportschau seit drei Spielzeiten macht, nämlich mit dem Tor des Monats, dem Gewinnspiel und nach zehn Minuten gab es dann die ersten Spielszenen. Alles war irgendwie wie immer, bis sich Stefan Simon aus Freiburg meldete, wo das schlimmste Spiel des ersten Spieltages stattfand und das passte immerhin zum Kommentar Simons. Und das war dann vielleicht die drittgrößte Erkenntnis der ersten „Sportschau“ der Saison: Gerd Rubenbauer ist der Beste der Kommentatoren. Die zweitgrößte Erkenntnis ist die, dass mit dem Dortmunder Bert van Marwijk endlich mal wieder ein sanfter Melancholiker Trainer in der Bundesliga ist – kein witziger, humorvoller, nervender, überambitionierter, sondern einer, der still leidet, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie er es gerne hätte. Interviews mit van Marwijk sagen alles über den Zustand des Bundesligafußballs aus.

Indirekt tut das auch Wolf-Dieter Poschmann. Poschmann begrüßte im ZDF zum „Sportstudio“, was diesmal draußen stattfand und deshalb (auch wegen des Alters des Publikums) an den „Fernsehgarten“ erinnerte. Vielleicht dachte Poschmann deshalb, er müsse schreien, anstatt zu moderieren, vielleicht plauderte er mit den neuen Bundestrainern Jürgen Klinsmann und Joachim Löw deshalb sinnfrei daher, damit Klinsmann beweisen konnte, dass er bei Franz Beckenbauer eine Rhetorikschulung belegt hatte – am Ende eines Satzes, egal wie leer sein Inhalt ist; muss man lachen, das finden die Menschen sympathisch. Und vielleicht erwartete Poschmann um 23 Uhr auch kein Fachpublikum mehr, deshalb konnte er Löw allen Ernstes fragen, wie lange er nicht mehr Trainer in der Bundesliga ist. Es gibt leider doch viel zu viele von diesen Fernsehmomenten, die sogar noch kleiner sind als das Fernsehen.

Was aber ist nun die größte Erkenntnis vom ersten Bundesligawochenende im Fernsehen? Vielleicht die, dass der Fußball nach seinem Ausflug in die Zukunft einfach nur nach Hause gekommen ist.

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