Medien : Kleine große Koalition

Begriffsverwirrung bei den Nachrichtenagenturen

Matthias Meisner

Ein Ossi hatte den Ball geworfen, in Hamburg fing ihn Wilm Herlyn, der Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa), auf. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verbreitete die größte deutsche Nachrichtenagentur einen Achtungshinweis an ihre Kunden. Danach wird die sich dort anbahnende Koalition von CDU und SPD fortan bei dpa nicht große Koalition heißen, „weil es sich um ein Bündnis der größten und der drittgrößten Partei handeln wird“. Und weiter: „Die zweitstärkste Kraft in dem Bundesland ist die Linkspartei. Eine große Koalition im eigentlichen Sinn können nur die beiden größten Fraktionen bilden.“

Herlyn folgte mit dieser Empfehlung einem Rat, den zuvor der stellvertretende Chefredakteur von ddp, Rainer Höhling, den Konkurrenzagenturen gegeben hatte. Der frühere Journalist der DDR- Nachrichtenagentur ADN beruft sich auf den Duden, in dessen Universalwörterbuch es heißt, eine große Koalition sei eine „Koalition der (beiden) zahlenmäßig stärksten Parteien in einem Parlament“. „Die Kollegen aus dem Altbundesgebiet schreiben automatisch bei einem Bündnis von CDU und SPD große Koalition“, erklärt Höhling, doch der Duden „sagt das ganz klar anders“. Auch die anderen Nachrichtenagenturen mit deutschem Dienst wollen dem Rat folgen, bei AP indes war zuletzt für Magdeburg noch von einem Bündnis „nach Vorbild der großen Koalition im Bund“ die Rede.

Ob sich der Verzicht auf den Begriff „große Koalition“ für das Regierungsbündnis in Magdeburg durchsetzt – noch in den „Tagesthemen“ nach der Wahl hatte ihn Anne Will mehrfach gebraucht –, bleibt abzuwarten. „Maßgeblich ist der Sprachgebrauch“, sagt Carsten Pellengahr von der Sprachberatung des Dudens. Möglicherweise sei die Definition im Duden-Universalwörterbuch „zu eng gefasst“, bei einer Neuauflage werde eine neue Formulierung zu prüfen sein. Damit wiederum würde sich der Duden dem Brockhaus annähern, bei dem die große Koalition „meist von den beiden stärksten parlamentarischen Gruppierungen gebildet“ werde, sie „eine relativ hohe Mehrheit von Abgeordneten hinter sich“ wisse. Vorsichtiger formuliert auch Wikipedia, schreibt von einer Koalition „zwischen zwei großen Parlamentsparteien“.

In Sachsen hat die SPD 2004 nur einstellig abgeschnitten, sie bildet dennoch mit der CDU die Regierung. Dort bürgerte sich der Begriff „große Koalition“ gar nicht erst ein.

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