Medien : Kleine Lösung für höhere Auflage

„Independent“ und „Times“ gibt es zweimal: im großen und im neuen Tabloid-Format

Moritz Schuller[London]

Vor einigen Tagen schickte ein gewisser Michael Saward folgenden Brief an die Londoner „Times“: „Sir, ich habe heute sowohl die normale als auch die verkleinerte Ausgabe der Zeitung gekauft und war überrascht festzustellen, dass in letzterer zwei Leserbriefe fehlten, dafür aber zwei Todesfälle und eine Trauerfeier erwähnt wurden, die nicht im Hauptblatt zu finden waren. Wenn ich in der ,Tabloid-Times’ erwähnt werden wollte, sollte ich dann also lieber sterben als Briefe schreiben?“

Die „Times“ kann es sich leisten, mit ihrer neuen Mini-Ausgabe Witze zu machen. Dem Leser wurden sogar auf einer ganzen Seite Vorschläge gemacht, wie aus der Zeitung Origami-Figuren gebastelt werden können. Sie kann es sich leisten, denn ihre Tabloid-Ausgabe ist ein großer Erfolg. Die Zeitung selbst spricht von einem Auflagengewinn von 60 000, was deutlich über den Zuwächsen des „Independent“ liegen würde, der im September als erste seriöse Zeitung in Großbritannien zusätzlich im Boulevardformat erschienen war. Dort liegt der Zugewinn bei 30 000.

Der gesamte Zeitungsmarkt Großbritanniens ist hart umkämpft, und dieser Markt schrumpft: Die „Times“-Auflage lag im November 2003 bei 581 000 Exemplaren, ein Minus von beinahe 60 000 Exemplaren gegenüber dem Vorjahr. Anders beim „Independent“: Dort kletterte die Auflage binnen Jahresfrist auf aktuell 206 000 Exemplare. Die „Times“ sieht durch die Verkleinerung der Zeitung den Sinkflug spürbar gebremst, der „Independent“ freut sich über eine kräftige Auflagen-Steigerung.

Rupert Murdoch, der Eigentümer der „Times“, plante eine Mini-Ausgabe schon vor einigen Jahren, doch der sonst um seinen Ruf wenig besorgte Verleger befürchtete offensichtlich, als Totengräber des seriösen Formats in die Geschichte einzugehen. Nachdem der „Independent“ diesen Schritt gewagt hatte, wartete Murdoch nicht lange. Seit zwei Wochen bietet auch er seine Zeitung im Kleinformat an.

Nun werden vermutlich auch die übrigen „Broadsheets“ wie der „Guardian“ und der „Daily Telegraph“ an einer Verkleinerung nicht vorbeikommen. Noch fragt man sich dort, ob man mit den 15 bis 20 Millionen Euro, die eine solche Zweitausgabe kostet, nicht auch auf andere Weise solche Auflagenzuwächse erreichen kann. Doch die Antwort lautet vermutlich: nein. Nichts, keine Extraseiten oder beigelegten CDs, bringt kurzfristig so viel Auflage wie das neue Format.

Vieles hält den britischen Medienmarkt derzeit in Atem: Etwa, dass Murdoch überlegt, mit seinem Boulevardblatt „Sun“ bei der nächsten Wahl wieder die Konservativen zu unterstützen (er war 1997 zu Labour gewechselt), oder dass der konservative „Daily Telegraph“ wegen der finanziellen Probleme seines Besitzers Conrad Black schon bald in neue Hände geraten könnte.

Nichts jedoch hat den Zeitungsmarkt so sehr in Unruhe versetzt wie die kleinen Neuerscheinungen und die fortschreitende Tabloidisierung der Traditionsblätter. Auch wenn die bislang nur im Großraum London angeboten werden, zeichnet sich schon jetzt ab, dass langfristig ein solches Doppelangebot wirtschaftlich nicht tragbar ist. Verkauft sich die kleine Ausgabe weiter so gut, auch über die ersten Monate hinaus, dann wird der Druck auf die Großformate steigen. Noch ist unklar, wie sehr die Leser an ihrem traditionellen Zeitungsformat hängen, oder ob die „Times“ erfolgreich im Revier der halbseriösen, im Tabloidformat erscheinenden „Daily Mail“ wildern kann. Vor allem aber, ob sich das Anzeigengeschäft problemlos an kleinere Seiten anpassen lässt.

Anders als der „Independent“ enthält die „Tabloid-Times“, Michael Saward schreibt es in seinem Brief, nicht alle Informationen des Hauptblattes. Die Gefahr, die Medienexperten sehen, ist, dass mit dem Format des Boulevard auch der Inhalt des Boulevard verbunden sein könnte. Die beiden Vorreiter des Trends, „Independent“ and „Times“, lassen diesen Verdacht bislang jedoch unbegründet erscheinen.

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