Medien : Kleine Morde unter Freunden

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Von Jörg Rössner

„Ich finde, Sie machen ihre Sache gut. Sie kennen ihre Pappenheimer, sie kennen sich selbst. Sie stehen mit beiden Beinen auf der Erde.“ Hanno Osburg kennt Klara Blum erst seit kurzem, als er sie mit diesen Komplimenten überschüttet. Sein Bruder Wolfi steht unter Mordverdacht, und Hauptkommissarin Klara Blum leitet die Ermittlungen. Zwar schmeicheln sie die freundlichen Worte, aber ob sie zutreffen? „Ich bin mir da nicht so sicher.“

Damit ist ein wichtiger Charakterzug der Konstanzer Kommissarin schon beschrieben: Zwar wirkt sie auf die Außenwelt resolut und durchsetzungsstark, in ihrem Innern zweifelt sie jedoch immer wieder an sich und ihren oft aus dem Bauch heraus getroffenen Entscheidungen.

Mit „Schlaraffenland“ geht in der ARD der Monat der neuen Ermittler zu Ende: Nach Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm (NDR), Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger und Jörg Schüttauf als Friedrich Dellwo (HR) debütiert heute Abend mit Eva Mattes als Klara Blum eine weitere prominente Schauspielerin als „Tatort“-Kommissarin. Für den Südwestrundfunk (SWR) löst sie in Zukunft zwei Fälle pro Jahr.

Die Gegend um den Bodensee gilt gemeinhin als Idylle, und mit dem malerischen Motiv des Sees beginnt der Film auch. Doch der abrupte Schwenk auf einen leblos an einem Baum liegenden Jungen macht klar, wie sehr dieser Eindruck trügen kann. Schon lange wurde der „Tatort“-Zuschauer nicht mehr so schnell mit dem ersten Toten konfrontiert. Klara feiert gerade mit ihrem Ehemann (Michael Gwisdek), als Kriminaldirektor auch ihr Vorgesetzter, das Sommerfest der Polizeidirektion Konstanz. Da erreicht sie die Nachricht. Sie fährt zum Tatort, wo ein übereifriger Streifenpolizist stolz verkündet, den Täter bereits festgenommen zu haben. Bald kommen ihr Zweifel an dessen Schuld. Der geistig zurückgebliebene Wolfi war mit dem toten Jungen befreundet und zu einer so brutalen Tat kaum fähig.

Als er flüchtet und bei der Beschaffung eines Fluchtautos unfreiwillig ein kleines Mädchen entführt, löst ihr Mann eine Großfahndung aus, bei der auf den Flüchtenden geschossen wird. Klara ist entsetzt und übernimmt das Kommando. Für Eva Mattes ist dies eine Schlüsselszene, die die Arbeitsweise der Hauptkommissarin gut beschreibt: „Sie handelt oft nicht kalkuliert, sondern tut, was sie in dem Moment für richtig hält. Außerdem löst Klara ihre Fälle mehr mit dem Verstand als mit der Pistole, sie kommt auch ohne Waffe aus.“

Die 47-jährige Berlinerin hat lange überlegt, ob sie das Angebot des SWR, Kommissarin einer neuen „Tatort“-Reihe zu werden, annehmen soll. Zu groß war ihre Befürchtung, in eine Serien-Schublade gesteckt zu werden, aus der sie so schnell nicht wieder herauskommt. Doch mittlerweile ist sie überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: „Ich finde es spannend, eine Frau zu spielen, die in regelmäßigen Abständen zu sehen ist. Die Arbeit macht mir immer mehr Spaß.“ Sie hat Mitsprache bei den Drehbüchern, ist an der Entwicklung der Figuren beteiligt, steht in regelmäßigem Kontakt mit den Autoren und legt großen Wert darauf, dass die Fälle im Vordergrund stehen und nicht sie selbst.

Dabei war ihre Person mit ein Entstehungsgrund der Klara Blum: Nach der Fusion von SWF und SDR erhöhte sich der Anteil des SWR am ARD-Programm auf 17 Prozent. Um die Zulieferquote zu erreichen, musste ein neuer „Tatort“ her. Und da man im Südwesten sehr stolz auf seine Kommissarinnen-Tradition mit Karin Anselm, Nicole Heesters und Ulrike Folkerts ist, sollte wieder eine Frau die Morde aufklären. Ulrich Herrmann, der bisher die Lena-Odenthal- „Tatorte“ produzierte, nahm die Herausforderung an und hatte dabei von Anfang an Eva Mattes im Kopf. Mattes hatte früher viel mit den Regisseuren Rainer Werner Fassbinder und Peter Zadek zusammengearbeitet: „Ich kannte sie aus meiner Zeit als Theaterkritiker für die ,Zeit’. Sie ist für mich eine der wichtigsten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation, eine Mutter-Courage-Figur, die zudem im Fernsehen noch nicht so verbraucht ist.“

Die Schauspielerin kam vor der Kommissarin, ihr wurde die Rolle quasi auf den Leib geschrieben. Deshalb gebe es viele Schnittmengen zwischen der Ermittlerin und der Schauspielerin Eva Mattes, sagt Herrmann. Die Figur sollte die unzähligen TV-Kommissarinnen nicht nur um eine neue erweitern. Außerdem wollte er eine klare Abgrenzung zur toughen Lederjacken-Trägerin Lena Odenthal. Bei der Entwicklung orientierte sich Herrmann eher an der „Bella-Block“-Reihe im ZDF: „Mich hat immer geärgert, dass die ARD keine Hannelore Hoger hat.“

Jetzt hat sie also Klara Blum, eine Polizistin mit starkem Einfühlungsvermögen, die unkonventionell und mit viel Psychologie ermittelt. Hierarchien sind für sie keine Hürde, Regeln dazu da, um gebrochen zu werden. Eva Mattes beschreibt Klara als eine leidenschaftliche, lebensbejahende Frau, die wenig Wert auf Äußeres legt. Sie handelt oft emotional, ist direkt und freundlich. „Über ihr Privatleben erfährt man relativ wenig, weil sie sich so tief in die Fälle reinwühlt, ja davon fast besessen ist, dass für anderes keine Zeit bleibt.“ Produzent Herrmann sieht noch eine ganz andere Seite: „Sie hat selbst so eine gewisse kriminelle Energie. Sie riecht das Verbrechen und hat einen Instinkt dafür, wo etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“

Doch Klara Blum ist auch sehr bodenständig und von der Mentalität der Menschen am Bodensee geprägt. Dadurch wirken die Filme familiär – man kennt sich, der Umgang ist nicht so anonym wie in der Großstadt. Für Eva Mattes wirkt sich die Ortswahl auch auf den Inhalt aus: „Die Themen orientieren sich stark an dieser Gegend. Wir gucken, was hier an Verbrechen möglich ist.“ Ulrich Herrmann sieht das etwas anders: „Die Fälle unterscheiden sich nicht von anderen. Ein Kapitalverbrechen bleibt auch hier ein Kapitalverbrechen und ein Familiendrama ein Familiendrama.“ Das Ziel sei, „Kleine Morde unter Freunden“ erzählen.

Einen Wunsch hätte Herrmann noch: „Ich würde gerne mal einen Fall nach 70 Minuten beenden und in der restlichen Zeit mehr über die Figur Klara Blum zu erzählen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie den Täter im Gefängnis mit einem Picknick-Korb besucht. Für ihn ist es dann wenigstens ein kleiner Trost, von ihr überführt worden zu sein.“

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