Medien : Kleist und die Chirurgen

Eine Besichtigung der neuen Fernsehtrends bei der „Cologne Conference“

Barbara Nolte

Selten waren sich Produzenten so einig, was zum neuen Trend im Fernsehen wird. Und zwar: Dokusoaps über Schönheitsoperationen. Ute Biernat von „Deutschland sucht den Superstar“, Borris Brandt von „Big Brother“ und Christiane Ruff von der RTL-Serie „Nicola“ saßen am Montag beim Fernsehfilmfest „Cologne Conference“ zusammen auf dem Podium – allesamt Produzenten, die das große Publikum suchen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, sagte Christiane Ruff dort, wann die Welle der Schönheits-Formate über Deutschland hereinbreche. Borris Brandt plant bereits Schönheitsoperationen als neues Element für sein Langzeit-„Big- Brother“. Und Ute Biernats Firma Grundy hat gerade die weltweiten Rechte an der US-Erfolgsserie „The Swan“ gekauft. Darin lassen sich Frauen ihrem Schönheitsideal entsprechend umoperieren; drei Monate dürfen sie nicht in den Spiegel schauen. Wenn sie es dann tun, sind sie manchmal entsetzt. „Es ist Unterhaltung im weiteren Sinne“, sagte Biernat. Psychologen würden – wie bei den Castingshows auch – die Kandidaten betreuen.

Im Wettbewerb der diesjährigen „Cologne Conference“ war bereits eine Schönheitsoperationsserie zu sehen. Nur zeichnet „Nip/Tuck“ den Alltag von zwei Schönheitschirurgen aus Miami Beach als wahren Albtraum. Die beiden verdienen ihr Geld mit fleischigen Nasen und schlaffen Hintern und geraten sonst in einen Sumpf aus Sex, Drogen und Gewalt. Haim Saban hat, so sagte er jedenfalls in einem Interview, die Serie seinen Programmplanern ans Herz gelegt. Doch Premiere hat sie jetzt gekauft. Man wird sie in Deutschland nur im Pay-TV sehen können, aber immerhin das.

Denn amerikanische Serien schaffen es immer seltener ins deutsche Programm. Und so konnte man in den letzten Tagen in Köln nur zum Teil das Fernsehen des kommenden Jahres besichtigen. An den Juroren der „Cologne Conference“ lag es nicht, sie haben auch diesmal wieder aus hunderten internationalen Einsendungen zwanzig besonders interessante Produktionen ausgesucht. Aber die Deutschen sehen lieber „Cobra 11“ als „24“, auch wenn die angelsächsischen Serien oft origineller sind.

Auch dieses Jahr hat wieder ein BBC-Film den Fiction-Wettbewerb gewonnen: „State of Play“, ein sechsteiliger Polit-Thriller. Ein Reporter stößt bei den Recherchen zum angeblichen Selbstmord einer Politiker-Geliebten auf eine große Verschwörung. Eine US-Kino-Version der Serie ist in Arbeit. Nur in Deutschland hat sie noch keinen Sender gefunden. Aber man braucht die Hoffnung noch nicht aufzugeben: Auf der „Cologne Conference“ liefen auch „Emergency Room“, „Sex and the City“ und „Six Feet Under“, Jahre bevor sie dann doch erfolgreich wurden.

So ist es vielleicht konsequent, dass der Sieger in der Kategorie Dokumentarfilm neben dem Preisgeld gleich einen Sendeplatz mitgewinnt. „One Shot“, Nurit Kedars Porträt von Scharfschützen der israelischen Armee, hat dieses Jahr den ersten Platz gemacht. Kedar fragte die Soldaten aus, begleitete sie auf ihren Einsätzen und zeichnete ein eindrucksvolles Bild von Männern, die das Töten zu ihrem Beruf gemacht haben. Phoenix zeigt den Film im Herbst. Erst muss der Sender noch die Rechte kaufen.

Die beiden aufwendigsten Filme, die in Köln vorgeführt wurden, beruhen auf historischen Vorlagen: Jürgen Flimm hat das „Käthchen von Heilbronn“ verfilmt. Er verlegte Kleists Drama über die unausweichliche, reine Liebe in die Industriekulisse des Duisburger Landschaftsparks. Der Film, der im Herbst im ARD-Programm läuft, ist sehr ambitioniert, mit Tobias Moretti und Julia Stemberger prominent besetzt, aber auch sehr künstlich.

Sat 1 hat die Nibelungen-Sage dagegen zum Primetime-Spektakel gemacht, mit Benno Fürmann als Siegfried. Auf der „Cologne Conference“ zeigte der Privatsender erste Ausschnitte: perfekt ausgestattete Mittelalter-Szenen, die ein bisschen an die Fantasie-Landschaften vom „Herrn der Ringe“ erinnern; bloß hat Sat 1 in Südafrika gedreht. Es geht um Action, opulente Optik – mit der Vorlage geht Sat 1 großzügiger um als Flimm. Sendetermin: ebenfalls irgendwann im Herbst.

Auch Matthias Brandt war diesmal wieder in Köln: Willy Brandts Sohn hat im vergangenen Jahr in der Rolle des Kanzler-Spions Guillaume in „Im Schatten der Macht“ die „Cologne Conference“ eröffnet. Diesmal spielt er in der WDR-Arte- Produktion „Der Stich des Skorpions“ zusammen mit Martina Gedeck und Hannes Jaenicke. Die wahre Geschichte eines DDR-Fluchthelfers wird erzählt, auf den die Stasi Jagd macht. Ein klassischer, spannender Film. Brandt gibt den besten Freund des Fluchthelfers, der sich nach der Wende als IM entpuppt. Matthias Brandt scheint seine Paraderolle gefunden zu haben. Er sieht das anders. „Nächstes Jahr“, sagt er, „komme ich ganz sicher nicht als Stasi-Idiot wieder.“

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