Medien : Klementine

Uta-Maria Heim

FERNSEHMUSEUM

Während aufgebrachte Tomaten-Werferinnen den machohaften SDS-Kongress in ein Schlachtfeld verwandelten, entwickelte Procter & Gamble 1968 die neue Ariel-Werbung. Auch die amerikanische Waschmittelindustrie forderte: Schluss mit der Unterdrückung! Gleichberechtigung für Mann und Frau! Und als die burschikose Klempnerin Klementine (Johanna König) auf dem Bildschirm auftauchte, hatte sie plötzlich einen Schraubenschlüssel in der Hand. Mit ihr wurde die erste Arbeiterin samt Karohemd und Latzhose in die Werbewelt geschickt, nachdem Erika Runge („Bottroper Protokolle“) in ihrem preisgekröntem Fernsehfilm „Warum ist Frau B. glücklich?“ die Arbeiterin als Heldin entdeckt hatte.

Das Fernsehen hatte soeben den Klassenkampf eröffnet! In den 70er Jahren hatte Klementine viel zu tun. Denn die aufgewühlten Frauen der Mittelschicht gingen auf die Barrikaden. Sie suchten wie wild nach neuen Vorbildern: Sie wollten frei sein und arbeiten, sie wollten im Alltag entlastet werden, sie verweigerten Beziehungs- und Erziehungsarbeit, sie sehnten sich nach materieller, sexueller, ideeller, universeller Befreiung. In jedem Haushalt herrschte ein globaler Koch-, Wasch- und Putzkrieg. Und alle trugen Latzhosen! Klementine war vielleicht die einzige Medienfigur, die den dramatischen Emanzipationskampf der Feministinnen wirklich verstanden hat. Und sie wusste, dass der Konflikt nicht zu lösen war.

Trotzdem hat die Waschfrau der Nation jeden Abend vor der „Tagesschau“ versucht, den Frauen mit praktischen Tipps zur Hand zu gehen. Mit der bewährten Formel „Nicht sauber, sondern rein“ pochte sie auf den feinen Unterschied zwischen Fanatismus und reiner Lehre. Niemand hat den Auf- und Abschwung der Frauenbewegung so hautnah begleitet wie die Heldin des zeitweise meistverkauften Waschmittels in Deutschland. Und somit erscheint es absolut folgerichtig, dass Klementine mit dem Sieg des Postfeminismus von der Mattscheibe verschwinden musste.

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