Kling, Glöckchen, kling : Tod unterm Baum

„Morgen musst du sterben“ ist ein schockgefrorener Weihnachtsfilm. Ein Psychothriller und vielleicht doch kein Psychothriller.

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Nachbarn sind immer gefährlich. Aber ist Marianne (Susanne Lothar) so gefährlich, dass Johannes Ganten (Uwe Kockisch) zur Waffe greifen muss? Foto: HR
Nachbarn sind immer gefährlich. Aber ist Marianne (Susanne Lothar) so gefährlich, dass Johannes Ganten (Uwe Kockisch) zur Waffe...Foto: HR/Johannes Krieg

Weihnachten ist eine Herausforderung. Und weil das so ist, werfen viele ihren Weihnachtsbaum, irgendwie befreit, gleich am 27. Dezember wieder auf die Straße. Wie traurig ist das. Vor allem aber besteht nun die erhöhte Wahrscheinlichkeit, von einem Weihnachtsbaum erschlagen zu werden. Er stürzt geradewegs auf Johannes Ganten (Uwe Kockisch) herab – und verfehlt ihn um Tannennadelbreite. Der Überlebende des Christbaumattentats erreicht seinen Briefkasten, um die Nachfesttagsnachricht „Morgen wirst du sterben!“ vorzufinden. Wer war das?, lautet nun die übliche Frage aller Freunde der berechenbaren Unberechenbarkeiten. Und vor allem: Wird der Absender recht behalten? Vergessen wir vorerst beide, hier geht es um mehr. Und wie dieses Mehr immer wieder in den Gesichtern aller Beteiligten aufscheint, ist überaus sehenswert. Ja, eigentlich spielt der Film „Morgen musst du sterben“ von Niki Stein nur in den Gesichtern.

Johannes Ganten gehört zu dem Typus des modernen Menschen, für den Morddrohungen in die gleiche Kategorie fallen wie die Nachricht von der Geburt des Gottessohnes: ein schlechter Scherz. Wo Menschen sind, wird viel Unsinn geglaubt. Der frühere Professor für Städtebau besitzt einen guten, schwer irritierbaren Wirklichkeitssinn. Und es wird viel mehr dazugehören als Baumterror und frustrierende Voraussagen, die eigene Lebenserwartung betreffend, um diese Unbeirrbarkeit ganz allmählich aus Uwe Kockischs noch ungläubigen Augen, seinem Lächeln und seinen Worten zu vertreiben.

Natürlich nimmt er die Entschuldigung der Nachbarin sofort an: Nein, sie habe mit dem Baum wirklich nicht ihn treffen wollen. Und es sei wohl fahrlässig gewesen, von einer Entsorgung über die Treppe Abstand zu nehmen. Aber die Nadeln! – und zu all diesen Sätzen der Reue, des Erschreckens über sich selbst und einer durch den Türspalt gereichten Flasche Wiedergutmachungs-Prosecco der Anblick der Susanne Lothar. Was für Weltauf- und -untergänge in diesem Gesicht, manchmal beides zugleich. Und dazu diese übergroße Hilfsbereitschaft, vielleicht um das Schicksal zu erpressen. Sollte es zu einem so freundlichen Menschen wie ihr nicht auch ein bisschen freundlich sein müssen?

Dabei kennt die fehlbare Weihnachtsbaumbeseitigerin das Leben genau und kann doch noch immer nicht aufhören, alles von ihm zu erwarten. Leben ist so. Nur das von Ganten-Kockisch ist anders. Ihm wurde immer schon alles gegeben, bevor er überhaupt dazu kam, etwas zu erwarten, die Frauen inklusive. Doch ist er in seiner etwas traumlosen Weise durchaus sympathisch – eben ein Mensch nach den Maßgaben unserer Zeit.

Zuzusehen, wie das Dasein eines erfolgsverwöhnten Zeitgenossen in nur 24 Stunden über ihm zusammenstürzt, bereitet allen Beteiligten – Regisseuren, Schauspielern sowie Zuschauern – eine eigentümlich große Befriedigung. Natürlich verwendet Niki Stein (zuletzt „Bis nichts mehr bleibt“) große Sorgfalt auf das selbst geschriebene Szenario dieses Untergangs. Die Idee kam, nachdem ein früherer Klassenkamerad, den er seit dreißig Jahren nicht gesehen hatte, ihn per Mail fragte, ob er noch immer so ein arrogantes Arschloch sei. Sinngemäß.

Ein Kriminalfilm und doch kein Kriminalfilm. Ein Psychothriller und doch kein Psychothriller. Es ist auch eine Komödie, aber ganz unmerklich, und nur für das leise Lachen. Es ist eine Tragödie, aber ganz ohne Held. Kurz, es ist zuletzt, was man bei diesem Titel am wenigsten vermutet: ein Weihnachtsfilm, aber ganz minimalistisch, wie schockgefroren. In einem Weihnachtsfilm müssen alle Herzen immer weiter werden, gerade die ausdehnungsresistenten, jene, die noch nie Lust hatten, zu expandieren.

„Morgen musst du sterben“, ARD, um 20 Uhr 15

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