Medien : „Knallt ab, wen ihr seht“

Warum passieren Massaker? Eine Dokumentation über die Morde von Beirut 1982 sucht eine Antwort

Barbara Sichtermann

Im September 1982 verübten Angehörige der „Forces Libanaises“, Milizen des zuvor ermordeten pro-israelischen Präsidenten im Libanon, Baschir Gemayyel, drei Tage lang grauenvolle Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schafira. Die Bevölkerung wurde dezimiert, die genaue Zahl der Toten ist unbekannt. Tausende sollen es sein. „Ein Blick. Granate werfen. Schießen. Immer dasselbe.“ Manche Milizionäre beließen es nicht beim Schießen. Sie verstümmelten und vergewaltigten ihre Opfer, sie „schlitzten sie auf“, damit sie einen qualvollen Tod erlitten. Schon bald waren die Leichen das größte Problem, bergeweise verstopften sie die Gassen. Das Ausheben der Massengräber, die eilige Beseitigung der Toten – „die obersten drei Schichten mussten in Plastiksäcken sein“ – das war fast noch härter als das Mordkommando.

Wer das weiß und davon erzählt? Sechs Männer, die dabei waren und sich bereit erklärt haben, für einen Fernsehfilm zu reden. Sie wollen nicht erkannt werden, weshalb sie im Gegenlicht und mit dem Rücken zur Kamera sitzen, nur ihre Arme, ihren Torso, ihre beschuhten Füße sehen lassen, während sie sich erinnern. An die drei Tage des Blutes, des Todes, der Schreie. Auch der eigenen Leute, die zuweilen versehentlich liquidiert wurden. Man erkannte nicht jeden in all dem Staub. „Ich sagte: Knallt ab, wen ihr seht.“ „Du tötest den Ersten widerstrebend. Beim Zweiten fällt es dir leichter. Beim Vierten fängt es an, Spaß zu machen.“

Man erfährt nur wenig über das Vorleben dieser „Kämpfer“, wie sie sich selber nennen. Aber doch dies: Dass sie schon lange in ihren Verbänden lebten, auf der Straße, mit dem Gewehr als Braut. „Man ist mit Leib und Seele bei seiner Waffe.“ „Ich war ein Kämpfer im Krieg gegen die Palästinenser. Schön war das.“ Die Männer nahmen Drogen und nicht zu knapp. Das gehörte dazu. So wie die unbefragbare Loyalität gegenüber dem Vater, dem Befehlshaber, dem Präsidenten.

Der Film umreißt die Vorgeschichte dieses Rachefeldzugs in wenigen Worten, in geschriebenen Sätzen. Als Ton gibt es nur die Berichte der sechs Kämpfer, manchmal fragen die Interviewer, im Hintergrund tönen Straßengeräusche. Keine Musik. Die Schrift geht in den Untertiteln weiter. Die Bildfolge wirkt abstrakt. Nicht identifizierbare Gestalten in leeren Zimmern, nur mal ein Stuhl, ein Tisch, zwei Katzen. Es ist dämmrig, blaues, grünes, violettes Licht macht die Männer unkenntlich. Fotos von Leichenhaufen und zerstörten Hütten werden vor der Kamera ausgebreitet; sie stecken in Klarsichthüllen, sind schwer entzifferbar. Eine optisch karge Szenerie umgibt die gesprochenen Protokolle eines Rückfalls vor jegliche Zivilisation.

Es gibt vereinzelte menschliche Regungen bei den Kämpfern. Bekenntnisse wie „Albträume verfolgen mich“ oder „Die Kämpfe hast du überlebt. Aber unter dem Kampf mit dir selbst leidest du bis heute.“ Dennoch überwiegt der Eindruck der vollendeten Verrohung, der diese Milizionäre ausgesetzt waren, der absoluten Entmenschlichung. Fast wird man stumpf beim Schauen. So ähnlich muss es zugegangen sein, als einst der nackte Affe gegen den Büffel zog.

Es ist heutzutage ein Dogma unter den Dokumentarfilmern, dass nur die Protagonisten sprechen dürfen. Die Voice over ist verpönt. Im Übrigen sind es die Bilder, die einen Film zu tragen haben. Monika Borgmann, Lokman Slim und Hermann Theissen aber, die Autoren von „Massaker“, hatten keine Bilder. Ihre nur schemenhaft erkennbaren Gewährsleute, die kahlen Räume, opaken Bilder geben keine visuellen Zeichen. Was bleibt, sind die Stimmen und die Ungeheuerlichkeit dessen, worüber sie sprechen. Die sind als Dokument unendlich wertvoll. Für einen Film aber, der auch ein Publikum findet, braucht es mehr. Zusätzliche erklärende Worte über den komplexen Hintergrund des Verbrechens hätten die erschütternde Wirkung der Berichte nicht beeinträchtigt. Und es dem Zuschauer ermöglicht, mehr aus diesem Film mitzunehmen als eine Bestätigung der alten Erkenntnis, dass Menschen zu reißenden Bestien werden können.

„Massaker“, WDR,

Mittwoch 23 Uhr 15

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