Kochen im TV : "Und wenn Tränen fließen - auch gut"

Eckig, kantig, aber herzensgut: Zwei-Sterne-Profi Christian Lohse über Kochshows, Kollegen und eigene TV-Ambitionen.

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Ist ein Fan von "Metallica". Ansonsten bringt Christian Lohse, 41, und Berlins einziger Zwei-Sterne-Koch, die Küche im Restaurant...Foto: Mike Wolff

Herr Lohse, Ihr Kollege Christian Rach feiert bei RTL als Restaurantretter wahre Triumphe. Sehen Sie sich das manchmal an?

Nein. Keine Zeit.

Und sonst? Kochshows vielleicht?

An meinem freien Tag erlaube ich mir „Das perfekte Dinner“.

Interessiert es Sie als Zwei-Sterne-Mann wirklich, wie Amateure einen Rehrücken verderben?

Ehrlich gesagt interessiert mich viel mehr, wie sich die Leute im Eifer der Essenszubereitung verrückt machen.

Kennen Sie eine gute Kochsendung?

Ja, auf WDR die Sendung mit dem Paar Meut/Neuner-Duttenhofer. Die machen teilweise sehr gute Sachen. Neulich gab es ein Bohnenfrikassee, richtig klasse.

Können Sie da noch etwas lernen?

Lernen kann man immer etwas. Ich halte die Sendung der beiden für richtungsweisend. Da wird noch richtig gekocht, mit guten Produkten und mit Sachverstand. Da wird Kochwissen vermittelt und nicht nur Zinnober für die Kamera abgeliefert.

Was lernt der Zuschauer von Kochshows?

Jedenfalls nichts, was mit Kochen zu tun hat. Das ist reines Entertainment. Auf Kosten der Küchenprofis.

Als Kochprofi in einer Kochshow aufzutreten ist also der beste Weg, seinen Ruf zu ruinieren. Was werden dazu wohl Tim Mälzer oder Steffen Henssler sagen?

Es gibt ja den schönen Nebeneffekt, dass man bekannt wird. Dann lässt sich gut vermarkten. Man kann ein Star werden, Kolja Kleeberg zum Beispiel ist inzwischen einer.

Und warum nicht Sie?

Ich war bei Kerner und ich war bei Lanz. Aber ich habe leider keine Zeit, solche Projekte zu forcieren.

Was passiert in diesen Shows eigentlich? Wird da wirklich gekocht?

Ich jedenfalls bin mit dem Ehrgeiz angetreten, das, was ich da koche, auch gut zu machen. Das ist mir am Anfang nicht perfekt gelungen, weil mir die Erfahrung mit dem Medium Fernsehen fehlte. Meinem Stubenküken im Morchelrahm fehlten am Ende ein paar Minuten, aber so ist das in einer Live-Sendung.

Sie haben die Gesetze der Fernsehens verletzt. Sie waren zu langsam. Und das Fernsehen verzeiht nicht.

Was wollen Sie machen, wenn andere ein Thema vorgeben und Sie nach fremden Vorgaben arbeiten müssen? Das kann schon mal in die Hose gehen. In einer anderen Sendung sollte es etwas mit Einpacken sein. Ich habe aber in meinem ganzen Kochleben noch nie etwas eingepackt. Das konnte nicht wirklich gut gehen. Und alles muss immer bunt sein. Je bunter der Teller, desto besser. Da kann ich nicht mit.

Muss man im Fernsehen als Koch auch lustig sein?

Es kann nicht schaden. Herr Lichter kann das ziemlich gut, dafür kann er, laut eigener Aussage, nicht kochen. Nicht dass Sie glauben, ich würde hier Kollegen beleidigen wollen. Lichter sagt das von sich selber. Dann darf man das doch auch sagen, oder?

Kollegenschelte sucht man in den Shows vergeblich.

Bei „Lanz kocht“ ist das nicht vorgesehen. Die Einzige, die regelmäßig was vor den Bug bekommt, ist Sarah Wiener. Aber sie fordert es auch regelrecht heraus. Was ich an Sarah Wiener sehr schätze, ist, dass sie zäh und ausdauernd an sich arbeitet. Die Frau ist produktschlau.

Bei „Lanz kocht“ stehen fünf Köche eine Stunde lang um den heißen Brei herum. Das scheint Ihnen nicht unbedingt zu gefallen. Was könnte Ihnen gefallen?

In Frankreich gibt es eine Kochsendung mit dem Koch Joël Robichon, in der in 45 Minuten immer nur ein Thema behandelt wird. Da kann es passieren, dass es eine Dreiviertelstunde nur um Mayonnaise geht. Das ist Konzentration aufs Wesentliche, das finde ich gut.

Könnte so etwas auch in Deutschland laufen?

Vielleicht schon sehr bald. Lassen Sie sich überraschen.

Was haben Sie vor?

Wenn es was wird, dann wird es auf jeden Fall spannend. Die Frage ist, ob ich die Zeit dafür habe. Ich habe hier mit dem „Fischers Fritz“ eine Riesenaufgabe, die mich zeitlich sehr fordert. Und um mich als Fernsehkoch zur Ruhe zu setzen, fühle ich mich einfach noch zu jung.

Sind Sie der Einzige, der nicht die Trommel rühren muss? Es geht doch gar nicht mehr ohne Fernsehen in Ihrem Metier.

Wir werden auch ohne Fernsehen überleben, keine Bange. Wir haben in diesem Jahr unseren Umsatz verdoppelt, meine Herren. Zum Trommeln: Bis 50 sollte man aktiv in der Küche stehen. Danach kann man zum Fernsehen wechseln. Aber Sie müssen sich erst einmal einen Ruf erarbeiten, den Sie sich dann meinetwegen im Fernsehen ruinieren können. Und wer glaubt, Fernsehen könne jeder, der ist ziemlich schiefgewickelt. Sich vor der Kamera zu bewegen, will gelernt sein. Das habe ich bei Kerner gelernt.

Damit Sie als schauspielernder Koch eine gute Figur machen?

So ist es. Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich habe großen Respekt vor dem Fernsehen. Es ist etwas ganz anderes, vor einer Kamera zu stehen, als in einer Küche und vor sich hin zu kochen. Wenn ich Fernsehen mache, dann will ich es gut machen. Oder gar nicht.

Da wäre ein bisschen Coaching nicht schlecht.

Der erste Coach hat sich bei mir gemeldet, nachdem ich bei Kerner gewesen war. Sein erster Tipp: zehn Kilo abspecken, und ich käme sensationell rüber. Für 2500 Euro hätte er noch ein paar Tipps für mich gehabt. Irre, so was.

Haben Sie eine Idee für eine Lohse-Kochshow?

Vier Hobbyköche gegen mich. Und dann kriegen die Hobbyköche so richtig Lack von mir. Das würde mir Spaß machen. Wenn Sie glauben, Hobbyköche hätten gegen Profis auch nur den Hauch einer Chance, dann glauben Sie das bitte nicht mehr. Das ist totaler Quatsch. Nicht weil ich so ein toller Koch wäre. Aber wie groß ist die Chance eines Hobbyboxers, der ein- oder zweimal in der Woche ins Fitnessstudio geht, wenn er gegen einen Profiboxer boxt? Null. Der hat noch nicht mal auf dem Rummel eine Chance. Mich regt der Irrglaube wahnsinnig auf, dass jeder, der eine Pfanne halten kann, sich gleich für einen Koch hält.

Wie viele von den Millionen, die sich Kochshows ansehen, können denn kochen?

Da ich ziemlich selten zum Essen eingeladen werde, in sechs Jahren ist das gerade drei Mal vorgekommen, vermute ich mal, dass das nicht allzu viele sind.

Sieben Millionen sehen bei Christian Rach zu. Ein wahnsinniges Potenzial.

Was der Rach da macht, das hat doch mit Kochen nichts zu tun. Die Leute sehen sich das an, weil sie bei der Erniedrigung von Restauranteigentümern dabei sein wollen. Und wenn Tränen fließen – auch gut.

Das ganze Elend müsste doch den Missionar in Ihnen wachküssen. Sie könnten den Leuten immerhin beibringen, was Kochen sein kann.

Ich bin aber kein Missionar. Ich würde mich den Leuten präsentieren, wie ich bin: ein bisschen eckig, ein bisschen kantig. Aber herzensgut. Und wenn die Leute ein bisschen Handwerk mitbekämen, dann wäre das ja auch nicht wirklich schlecht.

Bringen wir es auf den Punkt: Kochshows im Fernsehen sind für Amateure. Und der Profi wendet sich mit Grausen.

Kochen hat mit Berührung zu tun, mit realer Materie, mit Hitze. Ich frage Sie: Wie wollen Sie zum Beispiel ein Schmor gericht durchs Fernsehen bringen? Unmöglich. Sie werden ja auch nicht allein durch das Hören von Musik in die Lage versetzt, diese Musik dann auch selbst spielen zu können.

Was könnte Sie dazu bringen, ins Fernsehen zu gehen?

Eine schöne Frau, die etwas vom Leben und vom Kochen versteht.

Kennen Sie so ein Wunderwesen?

Sie werden es nicht glauben: ja.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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