Medien : „Kolmaar ist ein anderer“

Aber Ulrich Mühe ist der Gerichtsmediziner in der Serie „Der letzte Zeuge“

Markus Ehrenberg

Krimis können so einfach sein. Man nimmt eine Leiche, einen Kommissar, einen Mörder – fertig. Die Gerichtsmedizinerserie „Der letzte Zeuge“ passt nicht unbedingt in dieses Schema, auch Hauptdarsteller Ulrich Mühe ist alles andere als ein Typ für simple Muster. Der Theatermann spielt den Serienermittler Robert Kolmaar bereits im achten Jahr – ein Glücksfall fürs Fernsehen.

Spurensuche. Ein Winternachmittag im Oskar-Helene-Heim, Berlin-Zehlendorf, am Set von „Der letzte Zeuge“. Es wird an Folgen der neuen Staffel gefeilt. Szenenprobe mit Ulrich Mühe. Die Tochter des Rechtsmediziners, gespielt von Theresa Scholze, hat etwas Unangenehmes zu beichten, zwischen zwei Obduktionen. Ein, zwei Proben. Aufnahme. Mühe bringt seinen Kolmaar präzise auf den Punkt. Vaterrolle und Ermittlung – natürlich geht es auch im „Letzten Zeugen“ um klassische Krimifragen wie Mord, Unfall oder Selbstmord. Philosophisches Staunen und Tempo aber, das Grundthema Tod, brillante Dialoge, komplizierte Gefühle und wissenschaftlich fundierte Fälle – das alles in 40 Minuten und in Serie hat es im Fernsehkrimi noch nicht gegeben, höchstens bei der britischen Edel-Serie „Für alle Fälle Fitz“.

Dazu einen Schauspieler, der eine feinsinnig-intellektuelle Figur mitten ins Zuschauerherz spielt. Bis zu sechs Millionen sehen „Der letzte Zeuge“. Kritiker schwärmen. Mühe erhielt 2005 den Deutschen Fernsehpreis und zusammen mit Drehbuchautor Gregor Edelmann den Bayerischen Fernsehpreis. Das ist nicht ganz fair, könnte man meinen. Gesine Cukrowski als attraktive Kollegin, Jörg Gudzuhn als bodenständiger Kommissar und Dieter Mann als Kolmaars Chef stehen Mühe kaum nach. Das Team kennt sich aus Theaterzeiten. Keine deutsche Serie ist so gut gecastet.

„Ich würde schon sagen, dass diese Konstellation für mich zu den Voraussetzungen gehört, weiterzumachen. ,Der letzte Zeuge‘ ist ja nicht Fernsehalltag. Die Bücher haben ein hohes sprachliches Niveau, schaffen es, etwas Essayistisches reinzubringen“, sagt Ulrich Mühe. Nach der Vater-Tochter-Szene hat sich der 52-Jährige umgezogen. Raus aus dem Kolmaar-Anzug, rein in die Cordhose. Entspannt wartet er die Fragen ab. Fragen, die öfters kommen. Nach Mühes Aufstieg zum gefeierten Bühnenschauspieler in den 80ern, nach „Hamlet“ unter Heiner Müller, „Clavigo“ unter Claus Peymann, den zahlreichen Filmrollen, darunter Wickis „Spinnennetz“, als Höhepunkt „Der Stellvertreter“ von Costa-Gavras. Nun Serienkarriere im Fernsehen. Mühe sagt, dass er wenig Fernsehen schaue. Seine Serie sieht er sich selten an. Wahrscheinlich kennt er auch Horst Tappert nicht so gut, der freitagabends zum ewigen „Derrick“ wurde. Festgelegt wurde.

Der Schauspieler besteht darauf, „dass Robert Kolmaar jemand anderes ist als Ulrich Mühe“. Und diese Angst von früher, dass man Serie nicht machen dürfe, weil man dann verbrennt, das stimme ja eh nicht mehr. „Beim Publikum, okay, da muss ich damit leben, dass ich auf Kolmaar reduziert werde. Das tut manchmal weh, wenn andere Sachen, die einem wichtig sind, unter den Tisch fallen.“

Ab März zum Beispiel ist Mühe wieder im Kino zu sehen. Für seine Rolle im Stasi-Drama „Das Leben der anderen“ wurde er gerade als bester Schauspieler mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Außerdem geplant: Theater mit Ostermeier an der Schaubühne und ein großer ZDF-Abenteuerfilm. Zunächst aber wieder Mördersuche in der Fernseh-Primetime. Seit 1998 sind es schon über 60 Folgen „Der letzte Zeuge“. Robert Kolmaar als eine Art Schattenmann? Mühe glaubt schon, „dass Mühe über die Jahre auch was von Kolmaar gelernt hat“. Dieser könne mit den Dingen des Lebens leichter umgehen. Mühe neigte zu einer etwas düsteren Weltsicht. „Das hat sich in den letzten Jahren aufgehellt.“

Daran konnte auch der Dämpfer um seine erste Bühnenregie nichts ändern. Für die Inszenierung des Heiner-Müller-Stücks „Der Auftrag“ 2004 hat Mühe von Journalisten „ordentlich auf die Nase“ bekommen. „Es war verheerend.“ Dennoch, er würde es wieder machen. Genauso wie den Kolmaar. „Diese Rolle anzunehmen war auch eine strategische Entscheidung. Ich habe das Glück, bei sehr guten Regisseuren innerlich immer vorhanden zu sein. Ich versuche, alle zwei Jahre eine neue Theaterproduktion zu machen, wie jetzt mit Sarah Kanes „Zerbombt“ an der Schaubühne. Alle zwei, drei Jahre eine Kino-Geschichte wie mit Haneke oder Costa-Gavras, dann bin ich total glücklich.“ Die Fernsehzuschauer auch, solange Krimis wie „Der letzte Zeuge“ dabei herauskommen.

„Der letzte Zeuge“, ZDF, 21 Uhr 05

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