Kolumne : Sie haben eine neue Feindschaftsanfrage

Der Schriftsteller Torsten Körner will mit einer Geschäftsidee reich werden: Das Feindbook. Wollen Sie sein Feind sein?

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Foto: Bettina Keller
Foto: Bettina Keller

Morgen werde ich reich sein. Oder übermorgen. Ich habe etwas erfunden, was die Welt wirklich braucht. Was machen eigentlich meine Feinde gerade? Was meine Freunde tun, weiß ich bis zum Überdruss. Aber wo stecken meine Feinde, was treibt sie um und an, was hecken sie aus, wann werden sie ihren nächsten Schlag gegen mich führen. Mein neues Netzwerk, das ich der Welt ab heute anbiete, heißt „Feindberührung“. Ich hoffe, die Zahl meiner Feinde schon in kurzer Zeit beträchtlich steigern zu können. Viel Feind, viel Ehr!

Freunde zwingen zum Mittelmaß, zur Einordnung, Feinde sind das Stimulans, das meinem Leben fehlt. Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass niemand an meinem Untergang arbeitet. Und noch unerträglicher ist, nicht zu wissen, wer an meinem Untergang arbeitet. Damit ist jetzt Schluss! Mein Feindfinder entdeckt jeden Feind! Lieber einen echten Feind als zehn falsche Freunde!

Feindberührung ist die Weiterentwicklung von Facebook. Wer nur ein bisschen auf sich hält, wird sich zu „Feindberührung“ bekehren. Freunde bekommt man notfalls auch in der Apotheke, an jeder Straßenecke lauern dir Freunde auf, aber wer nennt schon rechtschaffen einen Feind sein Eigen? Die Daumokratie werde ich beenden, der erigierte Mittelfinger ist mein Zeichen. „Du gefällst mir nicht!“ Das wird nur eine von vielen „Ich-hasse-dich-Funktionen“ sein. „Ich mag nicht, was du tust!“ oder „dein Scheitern zaubert ein Lächeln in mein Gesicht!“ Freunde, seien wir ehrlich, sind Ballast. Feinde hingegen interessieren sich wirklich für uns. Sie schärfen unser Selbstverständnis, sie zwingen uns zu kalter Überlegung, sie sind ökonomischer als unsere Freunde, die sich immerzu als Lebenszeitdiebe betätigen. Was, du hast meine Urlaubsfotos noch nicht gesehen? Wo bleibt dein Daumen für meinen You-Tube-Link? Freunde sind an uns nur oberflächlich interessiert, Feinde hingegen wollen wirklich wissen, wie wir ticken. Freunde wollen Beifall, Feinde wollen einen harten Punch. Feinde hassen uns, gut so. Ihnen gefällt nicht was wir tun, das ist okay. Wir wissen, was wir voneinander zu halten haben. Keine Angst mehr vor ausbleibenden Liebesbekundungen, keine Sorge mehr, jemanden verletzt zu haben. Keine Eiertänze mehr, keine rückversichernden Smileys. Im Gegenteil. Der Feind schweigt? Wunderbar!

Freunde zeigen selten Gefühl, Feinde sind pure Emotion. Freunde spielen, Feinde meinen es ernst. Der Feind ist das wahre Fundament in einer immer diffuseren Welt, wo Freunde wie Waschmaschinen, Baumärkte, Gießkannen, Energieversorger, Autohersteller, Bohrmaschinen oder Zahnseide aussehen. Wer Feinde, echte Feinde hat, weiß nicht, wie man das Wort Einsamkeit schreibt. Wissen Sie, wie herrlich es ist, jemandem eine virtuelle Ohrfeige zu geben? Blut soll fließen, warmes digitales Blut. Ich bin auf der Suche nach Feindschaft. Wo ist der Feind, der mich hassen will bis ans Ende meiner Tage? Feinde sind treu, treulos die Freunde. Wollen Sie mein Feind sein?

Torsten Körner ist Schriftsteller und Journalist.

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