Kolumne : „Weltrekoooooord!“

Die Leichtathletik-WM im Radio: Wer redet am schnellsten?

Vera Pache


Es gehört manchmal auch ein bisschen Glück dazu, wenn ein Athlet eine Goldmedaille holt. Oder Pech, wenn er, wie der Weitspringer Sebastian Bayer, den Einzug ins Finale um wenige Zentimeter verpasst. Wenn bei der stündlichen Sportberichterstattung im Inforadio vom RBB eine Entscheidung genau in das für die kurze Live-Schaltung geschaffene Übertragungsfenster fällt, kann man von Glück sprechen. „Silber oder Gold? Silber oder Gold? Es ist Goooooold“, brüllt Reporter Jens Jörg Rieck mit steigender Geschwindigkeit und Lautstärke ins Mikrofon, als Steffi Nerius ihren Medaillen-Speer wirft. Der Zuhörer bekommt bei so viel Emotionen eine Gänsehaut und stellt sich vor, wie der Reporter vor Ort rot anläuft und vor Freude selber einen medaillenverdächtigen Freudensprung hinlegt.

Aber das ist nur Imagination. Keine Bilder. Weder von schreienden Radio-Journalisten, noch von schwitzenden Sportlern, die Luft schnappend nach der Höchstleistung aus allen Perspektiven gezeigt werden. Keine Zeitlupe, mit deren Hilfe ein Lauf oder Sprung noch einmal bis ins letzte Detail analysiert werden kann. Nur die Hintergrund-Atmosphäre im Stadion und die Stimme, die sich dann beim 200-Meter-Finale der Herren fast überschlägt und dennoch alle Namen ohne Versprecher auf die Reihe bringt – alles in 19,19 Sekunden. „Die Maßeinheit für Geschwindigkeit heißt Bolt! Weltrekooord!“, brüllt Rieck. Auch wenn dieser Lauf als Live-Mitschnitt erst kurz nach dem tatsächlichen Ereignis im Radio zu hören war: Das ist rekordverdächtig, was der Reporter hier leistet. Es ist eine Überlegung wert, ob die Sportberichterstattung im Radio nicht selber eine Weltmeisterschaft verdient hätte. Wer redet am schnellsten? Deutsche? Amerikaner? Jamaikaner? Berichte in Höchstgeschwindigkeit, ohne sich zu versprechen. Neben viel Können gehört auch hier ein bisschen Glück dazu.Vera Pache

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