Medien : „Komm mal vorbei“

Thema Unterschicht: Eine Reportage in der ARD

Bernd Gäbler

Das Besondere an diesem Film ist, dass er gar nichts Besonderes zeigen will; das Sensationelle ist, dass er es – ohne Sensationelles zu bieten – auf einen der besten Sendeplätze in der ARD geschafft hat.

„Wenn Menschen sagen, es gibt keine Unterschicht, sage ich: Hallo, komm mal vorbei.“ Dieser Einladung von Sonia Pietsch aus Bochum-Wattenscheid, alleinstehend, arbeitslos, Mutter von drei Kindern, sind die jungen WDR-Autorinnen Juliane Fliegenschmidt, Julia Friedrichs und Eva Müller gefolgt. Sie zeigen uns ohne Scheu, Häme, Vorurteil, Rührseligkeit oder ideologische Botschaft drei Familien, in denen die Frauen dick sind, die Kinder zahlreich, die Männer tätowiert und die Fernseher immerzu eingeschaltet. Frank Kamelski hat sich selber einen 1-Euro-Job geschaffen und gibt nun Schulessen aus. Er freut sich, wenn die Kinder ihn schon auf dem Schulhof begrüßen. „Unterschicht sind Menschen, die sich drauf ausruhen“, sagt seine Freundin. Das wollen beide nicht. Sie bemühen sich. Vielleicht wird es ja ein Dauerjob.

Die wache Sonia Pietsch will möglichst viele Fährnisse von ihren Kindern fernhalten. Sie kauft in einem Sozialwarenhaus ein. Es wird noch dauern, bis sie wieder arbeitsfähig ist. Nach Arbeit drängt es in der Familie Hensel niemanden. Wo die staatlichen Transferleistungen selbstverständlich beansprucht werden, wird auch am meisten geschimpft. Der älteste Sohn Marko erwägt, NPD zu wählen, seine Frau hat noch nie gewählt. Auch sie wäre ihrer kleinen Tochter gern eine gute Mutter.

Von der feinen Beobachtungsgabe eines Thomas Schadt, der Offenheit Andres Veiels oder den Bild-Erzählungen Thomas Giefers ist der Report weit entfernt. Ohne die „Unterschichten“-Debatte rundum wäre er vermutlich spät im Dritten Programm gelaufen. Weil aber das Thema gerade akut ist, hat die ARD eine bewährte Form wiederentdeckt: die schnörkellose Sozialreportage, beobachtend, beschreibend, niemanden vorführend, unprätentiös. Etwas leider nicht Selbstverständliches zeichnet die Autorinnen aus – sie gehen anständig mit den Leuten um, die sie filmen.

„Abgehängt – Leben in der Unterschicht“, ARD, 21 Uhr

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