Kommentar : Ansager und Absager

Das öffentlich-rechtliche Informations-Fernsehen hat sich mit der "Berliner Runde" komplett blamiert.

Joachim Huber

Die Bundeskanzlerin und der Vizekanzler, das ZDF und die ARD haben die „Berliner Runde“ und „Die Favoriten“ abgesagt. Greller hätte nicht illustriert werden können, was in diesem Wahlkampf bei der großen Koalition und beim Fernsehen schiefläuft. Die ARD, das ZDF und mit ihnen die privaten Sender RTL und Sat 1 haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zu Superstars ihres politischen Programms aufgebaut. Solo-Interviews, Wahlarenen, Porträts und zum Gipfel ein TV-Duell. Und kaum sind die Spitzenkräfte der Regierung dort, wo sie sein wollen, nämlich im Aufwind der Umfragen, lassen sie die Sender fallen.

Sollen die Chefredakteure die Beschädigung der demokratischen Kultur beklagen, soll die Opposition „Arroganz“ schreien, die Großkoalitionäre schert das nicht. Keine direkte Auseinandersetzung mit FDP, Grünen und Linken im Studio, bloß nicht Gefahr laufen, auf jene Überzeugungsprobe gestellt zu werden, die die vier Moderatoren-Darsteller beim „TV-Duell“ nicht unternehmen konnten.

Wer die beste Sendung im Wahlfernsehen, den „Dreikampf“ von Guido Westerwelle, Jürgen Trittin und Oskar Lafontaine unter der kompetenten Gesprächsleitung der politischen Journalisten Jörg Schönenborn und Sigmund Gottlieb im Ersten gesehen und erlebt hat, der weiß, was Merkel/Steinmeier fürchten, aber nicht aushalten müssen.

Ist namentlich das öffentlich-rechtliche Informations-Fernsehen so schwach, dass ein Junktim zwischen einem Kanzler-Duell zweier Spitzenkandidaten und einer „Berliner Runde“ aller sechs Spitzenkandidaten nicht zu fixieren war? Mussten sich ARD und ZDF sorgen, dass Merkel und Steinmeier auf ein Duell lieber verzichtet hätten? Wer den Kanzlerkandidaten gibt, was sie wollen, darf sich nicht wundern, dass sie sich nehmen, was sie wollen.

Das Fernsehen hat hier, wenn nicht versagt, so doch horrende Fehler begangen. Die Kanzlerin und der Vizekanzler haben die Sender böse ausgerechnet, ihre Fernsehauftritte nach ihrem Machtkalkül bestimmt. Ihren Parteien und sich selbst mögen sie genutzt haben, dem Grundgedanken des Wahlkampfs als der demokratischen Auseinandersetzung um das beste Konzept haben sie massiv geschadet. Die Koalition der großen Sender und die Koalition der großen Parteien sind einander wert, auf einem fragwürdigen Niveau. Es bedarf keiner waghalsigen Prognose, dass ARD & Co. nach der Wahl für Merkel & Co. wieder die Schleppe ins Fernsehstudio tragen werden.

Ist alles so gefestigt und so zum Besten gestellt im Land, dass so unernst gehandelt werden darf? 1961, als die Bundesrepublik jung und ihrer selbst noch nicht gewiss war, hat das Bundesverfassungsgericht in seinem ersten, berühmten „Fernsehurteil“ von der „integrativen Aufgabe des Fernsehens für das Staatsganze“ gesprochen. Das Medium trage zu dem „fortwährenden Prozess der gesellschaftlichen Selbsterneuerung“ bei. An dieser Aufgabe, zu deren gemeinsamer Bewältigung die Politik ebenso intensiv aufgerufen ist, hat sich nichts geändert. Nur die Akteure von 2009, die sind andere – Verweigerer. Versager?

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