Kommentar : Mund abwischen

Chef im öffentlich-rechtlichen Sender, das müsste man sein. Denn immer, wenn ein Betrug passiert, sind die Strukturen, aber niemals die Chefs schuld.

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Als Herstellungsleiter Marco K. den Kinderkanal um sieben Millionen Euro betrog, hieß der Programmgeschäftsführer Frank Beckmann. Beckmann ist heute Fernsehdirektor des NDR. Als NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze eigene Drehbücher im Sender als Fremdleistungen abrechnete, war Verena Kulenkampff stellvertretende Fernsehdirektorin des NDR. Heute ist sie Fernsehdirektorin des WDR. Schleichwerbungsaffären gab es im ZDF schon, als der heutige Intendant Markus Schächter noch Programmdirektor war. MDR-Chef Udo Reiter hatte erst den Betrug des Sportchefs Wilfried Mohren und hat jetzt den Skandal beim Kinderkanal im Haus.

Noch jeder Betrug in den öffentlichrechtlichen Häusern wurde mit Entsetzen, Revision und Staatsanwaltschaft erledigt, Stein und Bein geschworen, dass das Kontrollnetz noch enger als eng gestrickt werde. Am Willen zur Aufklärung, zur Besserung ist nicht zu zweifeln, die Öffentlichkeit ist extrem sensibel, falls mit ihren Gebührengeldern nachlässig und fahrlässig umgegangen wird. Und das passiert. Die jüngsten und größten Betrügereien – KiKa und Heinze – sind ja nicht gegen das System, sondern von Mitarbeitern im und mit dem System begangen worden. Von Angestellten, die wussten, dass Lücken da sind, groß genug, um satte Beträge hindurch auf eigene Konten transferieren zu lassen.

Das Geld für den Betrug ist immer vorhanden. Tag für Tag kommen die Gebühren ins Haus, bis am Ende eines Jahres 7,6 Milliarden Euro bei ARD, ZDF und Deutschlandradio gelandet sind. Kein Cent musste verdient werden, das Augenmerk liegt auf dem Ausgeben. Das erzeugt einen anderen Bezug zum Geld. Der böse Witz am KiKa-Betrug ist ja der, dass die sieben Millionen Euro, für die es keine Gegenleistung gab, beim Programm-Machen gar nicht vermisst wurden. Ist Geld, das aus der Kasse verschwindet, aber nicht fehlt, nicht zu viel Geld in der Kasse?

Die Konsequenzen aus den Skandalen? Verfeinerte Kontrollverfahren, Revisoren, bis an die Zähne bewaffnet. Richtig und ungenügend zugleich. Nicht ein Betrug hat bei jenen, die in den Chefetagen Verantwortung tragen, die Karriere behindert, beschädigt, gestoppt, nicht bei Beckmann, nicht bei Kulenkampff. Pech gehabt, dumm gelaufen, Mund abwischen, das sind die Reaktionsmuster. Und so geschieht es wieder im MDR-Reich von Udo Reiter. Der böse Betrüger sitzt in Haft, die gutwillig Betrogenen sitzen im Sender. Schuld und Verantwortung werden in die Strukturen wegdelegiert. Praktisch und bequem.

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