Medien : Kommissar und Zimmermann

Milieu-Krimis sind die besseren. Daher sucht der neue Bayern-„Tatort“ die Täter auf der Walz

Barbara Sichtermann

Krimis, die ihre Kommissare in quasi-exotische Szenerien abordnen, wie etwa religiöse Sekten, Jugendsubkulturen oder ausländische Parallelgesellschaften, stehen unter Verdacht, es sich leicht zu machen. Die verschworenen Gemeinschaften nämlich pflegen einen Ehrenkodex eigener Art.

Bei ihnen belastet keiner keinen, und der ermittelnde Beamte steht vor einer Wand des Schweigens. Motive gibt’s umsonst und Probleme bei der Recherche natürlich auch. Andrerseits möchte man als Fernsehzuschauer auch ganz gern mal wissen, wie es denn in einem solchen Milieu ausschaut. Und wenn sich ein Krimi dazu aufschwingt, uns einen guten und genauen Einblick in die fremde Welt zu verschaffen, dann verzeihen wir ihm, dass er es sich leicht gemacht hat, und nehmen die Schilderung ungewöhnlicher Verhältnisse zum Ausgleich für fehlende kriminalistische Spannung.

Der neue Bayern-„Tatort“ mit dem erprobten Duo Batic und Leitmayr (Miroslaw Nemec und Udo Wachtveitl) führt uns hinein in den Kosmos uralter Bräuche, wie sie die zünftigen Handwerksburschen dermaleinst gepflogen haben. Ja, und ob man’s glaubt oder net, auch heute noch gibt’s das: dass die Gesellen, etwa bei den Zimmerleuten, den Schreinern oder Dachdeckern, „auf die Walz“ gehen, angetan mit ihrer schwarzen Kluft, in der Hand den Stenz, den Wanderstab also, und auf den Lippen ihre ganz eigene Ausdrucksweise. Wer weiß schon, was in der Sprache der Walz ein „Schacht“ ist? Richtig, eine Gesellenbruderschaft. Aber weiter reicht das Wissen bei den meisten sicher nicht. Und mitten in so einem seltsamen Kreis geschieht ein Mord…

Batic und Leitmayr müssen erst mal Vokabeln lernen und Verhaltensstudien treiben, ehe sie mit dem Ermitteln so richtig anfangen können. Denn woher sollen sie wissen, was ein „Schacht“ ist und dass, wer erst mal auf der Walz ist, drei Jahre nicht nach Hause darf? Auch treffen sie auf eine Subkultur, die in ihren Grundfesten wankt. Denn neuerdings sind Frauen dabei. Das war früher untersagt! Und sorgt heute für Unruhe, nicht nur unter den wandernden Gesellen. Besonders wenn die Gesellin (Lisa Maria Potthoff) sehr hübsch anzuschauen ist und außerdem, wie man in ihrem Heimatdorf sagt, mit einem Fluch belegt ist.

Anfangs sträuben sich die Kommissare aus der Weltstadt gegen die lästige „Folklore“, dann aber begreifen sie, dass sie in dieses aus dem Mittelalter überkommene Soziotop eintauchen müssen, um weiterzukommen.

Und fürwahr, der Zuschauer hat auch was davon. Das Ritual, in dem „Vadder“ Kolo Koyal (Elmar Wepper) sich mit Hammer und Nagel ein Ohrloch stechen lässt, um das zünftige Abzeichen zu tragen, ist zwar reichlich brutal – aber bitte. Man kriegt eine Vorstellung davon, wie weit die Tradition des Piercings reicht, und auch das Durchbrennen und Trampen stammt ja wohl von der Walz ab. Es ist bei diesem neuen Tatort so, wie bei allen Szene-Krimis, die gelingen. Mörder und Motiv: Naja. Milieu und Mimesis: vom Feinsten.

„Tatort: Tod auf der Walz“: ARD,

20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben