Komödie : Großduell

"Ein starker Abgang": Misanthrop trifft Optimistin, Bruno Ganz spielt mit und gegen Monica Bleibtreu. Ein Duell der Worte, ein Kampf der Geschlechter - sehr zur Freude des Zuschauers.

Christina Tilmann

Starker Abgang? Starker Auftritt! Eine Autobahnraststätte, man steht an der Kasse, ein Kunde beschwert sich über die Wartezeit, die Kassiererin zickt genervt zurück. Und Büchner-Preisträger Heinz Kilian (Bruno Ganz) setzt zum großen Monolog an. Über den Sitten- und Kulturverfall Deutschlands und über das, was die Fastfood- und Selbstbedienungswellen aus uns gemacht haben: kriecherische, unterwürfige Kleingeister, die die schlechte Behandlung beinahe masochistisch dankbar entgegennehmen. Großer Faust-Ton des Theatermimen. Szenenapplaus aus der Raststätten-Schlange.

Aus der Zeit gefallen, aus der Welt gefallen ist dieser Heinz Kilian seit Jahrzehnten. Keiner liest mehr seine Bücher, keiner kauft sie mehr. Die letzte Lesereise, die ihm sein selbst schwer angeschlagener Kleinverlag verordnet, wird auch fast zur letzten Lebensreise. Denn Kilian, selbst gewählter Eremit und erklärter Misanthrop mit Ernährungsschwerpunkt auf schwarzem Kaffee, Wurstbroten, Mars und Zigaretten, verspürt seit längerem ein „Grummeln“ im Bauch. Und bekommt nun zur Kontrolle eine gestrenge Begleiterin an die Seite gestellt: die Ernährungsberaterin Vera Hartel.

Auftritt Monica Bleibtreu. Endlich einmal nicht als verhärmte Alte, wie in dem preisgekrönten Spielfilm „Vier Minuten“ von Chris Kraus, wo sie die verbitterte Klavierlehrerin gab, oder in Breloers ThomasMann-Serie „Die Manns“, wo Katia Mann auch nicht gerade viel zu lachen hatte. Frau Doktor Vera Hartel hingegen, perfekt onduliert, in Kostüm und Seidenschal, ist jeder Zoll eine Dame, voll Eleganz, voll Energie. Die Herausforderung, dem verbitterten Großdichter die Freuden von Salat und Sojasprossen nahezubringen, nimmt sie lustvoll an wie eine Aufforderung zum Duell.

Und ein Duell, ein Duell der Worte, ein Kampf der Geschlechter wird es dann auch, sehr zur Freude des Zuschauers. Da blitzen die Bosheiten und fliegen die Fetzen, es ist eine „Screwball Comedy“ zweier ebenbürtiger Einzelgänger, die mindestens so viel Spaß am gegenseitigen Verletzen haben wie an der Anerkennung gegenüber den Waffen des Gegners. Bruno Ganz, der zuletzt häufiger und immer wieder erfreulich gelöst im Fernsehen zu finden ist, macht diesen Heinz Kilian zum Don Quijote der spitzen Feder, zum Kontrollfreak und intellektuellen Kotzbrocken, der sich bei aller Aggression doch unserer heimlichen Zustimmung sicher sein kann: Ein bisschen Kulturkritiker steckt in uns allen. Zumal, wenn es so mit Verve vorgetragen wird.

Ein Lob dem Drehbuch von Martin Rauhaus, der für „Ein starker Abgang“ bühnenreife Dialoge geschrieben hat, mit kräftigen Seitenhieben auf Mediziner und Poeten. Wenn er am Schluss den beiden Kämpfern etwas Milde schenkt, ein Ablassen von den strengen Prinzipien, verzeiht man den Spätsonnenglanz gern.

Regisseur Rainer Kaufmann („Stadtgespräch“) hat wieder einmal sicheres Gespür für geschmackssichere Unterhaltung bewiesen. Erneut, wie zuletzt bei der sehr erfolgreichen Martin-Walser-Verfilmung „Ein fliehendes Pferd“ oder, länger her, bei der Ingrid-Noll-Verfilmung „Die Apothekerin“, vereint er locker die Qualitäten aus beiden Genres, dem Fernsehfilm und dem Kinofilm – die besondere Nähe, den Zoom aufs Leben, der im Fernsehen so gut funktioniert, und den souveränen Blick von oben. Endlich einmal keine Peinlichkeit, kein Chargieren der exzellenten Schauspieler unter Wert. „Ein starker Abgang“ ist, bis auf den blöden Titel, höchst intelligente Unterhaltung. Auf allen Kanälen. Christina Tilmann

„Ein starker Abgang“, 21 Uhr, Arte

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