Konferenz „re:publica“ : Rausgebloggt

Kein Job wegen MySpace: Die Konferenz „re:publica“ diskutiert über Chancen und Risiken des Web 2.0.

Tim Klimeš
RePublica
Hier feiert sich das Web2.0. -Foto: Tsp

BerlinSie alle sitzen in einem Blog: 400 Teilnehmer im „Großen Saal“, vier Diskutanten vor ihnen oben auf dem Podium. Im Netz ist das Ganze per Video-Livestream zu verfolgen, übers Radio wird ein Teil der Veranstaltung in die Republik gesendet. Wer Gesagtes kommentieren will, schickt per SMS eine Nachricht auf die Leinwand, die hinter den Diskutanten aufgebaut ist. Die Berliner Bloggerkonferenz „re:publica“ ist gelebtes Web 2.0. Ein Blogger-Paradies.

Rund 900 von ihnen hatten sich für die zweite „re:publica“ angemeldet, die am Mittwoch in Berlin startete. Darunter die gemeinhin als Alpha-Blogger bezeichnete Blog-Elite Deutschlands; von Digital-Bohemien Sascha Lobo bis Bildblogger Stefan Niggemeier, von „Handelsblatt“-Blogger Thomas Knüwer bis Tagesspiegel-Online–Chefin Mercedes Bunz. Und natürlich die Organisatoren der Konferenz: Johnny Haeusler vom „Spreeblick“ und Markus Beckedahl von „netzpolitik.org“. Das Motto in diesem Jahr: „Die kritische Masse“ – damit meinen die Blogger, selbstredend, sich selbst.

„Die ,re:publica‘ ist unsere Konferenz“, sagt Mitorganisator Beckedahl. „Als wir sie gründeten, wollten wir eine Möglichkeit haben, unsere Themen zu besprechen“ – die „inhaltlichen Fragen einer digitalen Gesellschaft“, wie er es nennt. Themen, bei denen sie das Gefühl haben, eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen zu müssen.

Eine solche Diskussion ist beim diesjährigen Eröffnungsthema der Bloggerkonferenz schon seit langem im Gange. Seit dem Gerangel um die Vorratsdatenspeicherung und den Querelen um die neuen Datenschutzbestimmungen der Internet-Plattform StudiVZ, wird der lapidare Spruch des „Internets, das nicht vergisst“, stärker denn je problematisiert. Auch von dem Medienrechtsexperten Viktor Mayer-Schönberger. Der aus Harvard angereiste Wissenschaftler berichtete in seinem Vortrag „Nützliches Vergessen“ von einer amerikanischen Referendarin namens Stacy Snyder, deren „Traum Lehrerin zu werden, von einem auf den anderen Tag zuende war“. Der Grund: Ein Foto der Referendarin, hochgeladen auf die Netzwerk-Plattform MySpace. Titel: der betrunkene Pirat. Stacy Snyder hatte eine lustige Mütze auf dem Kopf und ein volles Glas in der Hand – dem Verhalten einer Lehrerin „unwürdig“ urteilten die potenziellen Arbeitgeber. Aus war der Traum. Ein Beispiel, durch das der Wissenschaftler die digitale Problematik in die Wirklichkeit hievte.

Mayer-Schönberger forderte von allen Bloggern, ja selbst von den profanen PC-Nutzern, ein größeres Problembewusstsein. Der Harvard-Professor plädierte für ein „digitales Verfallsdatum“, für die „Wiedereinführung des Vergessens“ sozusagen: Wer eine digitale Datei anfertige, solle sich gleich beim Erstellen darüber Gedanken machen, wann er sie nicht mehr benötigt – und sie dann in den Papierkorb schmeißen.

„Informationsökologie“ nennt Mayer- Schönberger den verantwortungsvollen Umgang mit Daten im Netz. Hat ein Unternehmen etwa persönliche Daten seiner Nutzer gespeichert, sollten diese einer Zweckbindung unterliegen. Wer seine Persönlichkeit auf Plattformen wie StudiVZ oder MySpace ausschüttet, tut dies aus Gründen der Identifizierung – nicht, weil er dem Unternehmen die gezielte Werbung erleichtern will. Zwar existiere in Deutschland ein Datenschutzrecht, doch die wenigsten Bürger machten Gebrauch davon. Und auch der Staat unternehme keine Anstrengungen, es dem Bürger anzutragen: Wenn ein Staat nicht hinter dem Datenschutz stehe, werde der Bürger verwundbar.

Parallel zur „re:publica“ findet vom heutigen Donnerstag an noch eine weitere Konferenz in Berlin statt – die der deutschen Datenschutzbeauftragten.

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