Kongress : Wenn Amerika hustet

Beim Medienforum NRW ist die Zeitungskrise das große Thema. Vor allem die Entwicklung in den USA sorgt die Branchenexperten.

Thomas Gehringer

Die zunehmende Nutzung des Internets bei gleichzeitigen Reichweitenverlusten der Tageszeitungen führt nach Ansicht von Bundestagspräsident Norbert Lammert zu „sichtbaren und absehbaren Folgen für das künftige Urteilsvermögen der deutschen Bevölkerung“. Das Internet sei dort, wo es sorgfältig sei, eher lexikalisch als analytisch. Bei den Zeitungen sei es umgekehrt. Er wolle dies nicht bewerten. „Mir geht es um den schlichten Hinweis: Es ist nicht dasselbe“, sagte der CDU-Politiker gestern auf dem Medienforum NRW in Köln. An den elektronischen Medien inklusive des Internets kritisierte er allerdings eine „zunehmende Verdrängung des Analytisch-Politischen zugunsten des Unterhaltsamen“. Im internationalen Mediengeschäft gebe es einen Trend zu Schlagzeilen statt Sachverhalten und zu einem „immer brutaleren Vorrang der Schnelligkeit gegenüber der Sorgfalt“. Die Prognose, dass Tageszeitungen bald vom Markt verschwinden werden, bezeichnete er als voreilig.

Die beim Medienforum versammelten Verleger wollten trotz sinkender Auflagen und Anzeigenumsätze von düsteren Zukunftsszenarien nichts wissen. Er sehe keine Anzeichen dafür, dass für die Branche bereits das Totenglöckchen geläutet werden müsse, erklärte Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbands der deutschen Zeitungsverleger. Er forderte weniger staatliche Eingriffe etwa beim Datenschutz, direkte Staatshilfen lehnte er ab: „Weniger Regulierung ist das beste Konjunkturprogramm.“ Auf positive Resonanz stieß das von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen auf den Weg gebrachte neue Mediengesetz, das Verlagen unter bestimmten Voraussetzungen eine völlige Übernahme von lokalen Rundfunksendern erlauben will. Clemens Bauer, Geschäftsführer der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft (Rheinische Post), nannte es „überfällig, dass Zeitungen nicht länger eingemauert werden“.

Weitgehend gelassen reagierten die Verleger auf die Zeitungskrise in den USA. Heinen wies auf strukturelle Unterschiede hin: auf die im Vergleich höheren Vertriebserlöse deutscher Verlage und ihre stärkere Verankerung im Regionalen. Nach Ansicht von Oscar Bronner, Herausgeber des Wiener „Standards“, liegen die Gründe für das Zeitungssterben in den USA auch darin, dass börsennotierte Verlage Opfer der Kreditkrise und der Geschäftspraktiken an der Wall Street geworden seien. So hätten die Verlage regionaler Zeitungen in den vergangenen Jahren hohe Gewinne eingefahren. Als jedoch die Renditen von 30 auf „nur noch 15 Prozent“ gesunken seien, rutschten die Aktienkurse in den Keller. Angesichts des Trends, dass viele Entwicklungen in den USA nach einigen Jahren auch in Europa ankommen, warnte Bronner vor einer Negativspirale: „Wir müssen aufpassen, dass wir von dem Bazillus nicht angesteckt werden.“ Thomas Gehringer

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