Medien : Konsalik oder Kleist?

Das ZDF, Elke Heidenreich und Johannes B. Kerner suchen das beste Buch

Rainer Moritz

Alles dümpelt vor sich hin. Nichts geht in Deutschland voran. Die Leistung der Fußballnationalelf ist so dürftig wie die Allgemeinbildung der Schüler.

Auch der Buchhandel macht da keine Ausnahme. Der Umsatz schwächelt seit langem, und die Ankündigung der Herbstnovitäten löst beim leidgeprüften Sortimenter eher Entsetzen denn freudige Erwartung aus. Wo alles auf Haushaltslücken starrt, hat die Kultur ausgespielt. Was bringt es überhaupt, sich bürgerliche Trauerspiele anzusehen oder Liebesromane zu lesen?

Elke Heidenreich schrecken solche Horrorbilder nicht. Seit vielen Jahren lässt sie sich von pädagogischem Eifer leiten und beschwört ihre treue Anhängerschaft, die Segnungen des kulturellen Überbaus nicht gering zu schätzen. Während die Wirkungen der klassischen Literaturkritik oft kaum noch zu messen sind, gelingt es ihrer Sendung „Lesen!“, Ordnung im Durcheinander der Neuerscheinungen zu schaffen und Leserinnen (bisweilen auch ein paar Leser) Bücher so eindringlich ans Herz zu legen, dass die eingerosteten Kassen im Buchhandel wieder zu klingeln beginnen. Alle sollen lesen und möglichst viel, lautet die klare Botschaft, und so war es nur folgerichtig, gemeinsam mit dem ZDF eine Aktion ins Leben zu rufen, die aus dem flauen Sommer 2004 eine sinnestrunkene Zeit der Leseorgien machen möchte.

„Unsere Besten – Das große Lesen“ tönt der Slogan, der in den kommenden vier Wochen Leseanfällige animiert, ihr „Lieblingsbuch“ zu „verraten“. Allzweckwaffe Johannes B. Kerner wird das Ergebnis der Massenbefragung im Rahmen einer Fernsehgala am Abend des 1. Oktober verkünden und endlich Klarheit über die Lektürepräferenzen der Deutschen schaffen.

An nörgelnden Gegnern wird es dem gemischten Doppel Kerner/Heidenreich nicht mangeln; nichts ist schließlich leichter, als über diese Form der Leseförderung Hohn und Spott auszuschütten. Was, so wird es heißen, ist von einer Vorschlagsliste zu halten, die 200 Quer- durch-den-Gemüsegarten-Titel auflistet und keine Hemmungen hat, Joachim Fests „Hitler“ neben Ildikó von Kürthys „Mondscheintarif“, Walther von der Vogelweide oder den Freiherrn von Knigge zu stellen?

Möglicherweise viel. Elke Heidenreichs „Lesen!“-Auftaktsondersendung, die mit Michael Naumann einen nicht unter Populismusverdacht stehenden Intellektuellen eingeladen hatte, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass es nicht darum geht, einen neuen Kanon aufzustellen und Haltungsnoten für Literatur zu verteilen. Es geht offenkundig um zweierlei: um die Reanimierung der Kulturtechnik „Lesen“ und um deren Bedeutung für die Biografie jedes Einzelnen. Bücher sind Bojen im Lebensfluss; sie prägen das Bewusstsein, rühren an, machen mitunter klüger und sind auch nach Jahren Partner, auf die man sich in Notsituationen verlassen kann und die die eigene Identität abzustützen helfen.

Natürlich schwingt in Elke Heidenreichs so flammend vorgetragener Liebe zum Lesen die Hoffnung mit, dass unersättliche Leser auch gesellschaftlich verantwortungsvoller handeln als notorische Lektüremuffel. Ihr auf den nahenden amerikanischen Wahlkampf bezogener Satz „Wer viel liest, wählt auch gescheit“ spiegelt diesen (vielleicht nur frommen) Wunsch wider. Literaturprofis mögen deswegen die Stirn in Falten ziehen, doch sie sind ohnehin nicht gemeint. Wer ein besseres Klima für das Lesen schaffen möchte, darf nicht nur im Flüsterton der Eingeweihten für den Nutzen dieser umweltschonenden Freizeitbeschäftigung werben.

Wer klagen möchte, sollte über die irreführende, vom ZDF vorgegebene Formel „Unsere Besten“ klagen. Elke Heidenreich hat sich davon mit dem ihr eigenen Gespür für Anmaßung distanziert: „Unsere Liebsten“, das trifft den Sinn dieser Umfrage besser. Denn niemand braucht eine Hitliste, die vorgibt, nach vermeintlichen Qualitätskriterien ein Ranking der „besten“ Bücher zu präsentieren. Nein, es geht um die Erinnerung an wunderbare Leseerlebnisse und die dadurch ausgelösten Beglückungsmomente. Das ist nicht wenig, und hat es im deutschen Fernsehen nicht schon sehr viele dümmere Aktionen gegeben? Mein Lieblingsbuch ist übrigens von Hans Schranz und heißt „Bei uns ist immer was los“. Auf der ZDF-Vorschlagsliste fehlt es – natürlich, denn es ist ja mein Lieblingsbuch.

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