Kontrollversuch und Kontrollverlust : Der Wulff-Effekt

Nicht nur der Ex-Bundespräsident sitzt auf der Anklagebank. Auch Medien und Justiz geißeln sich. Egal, wie der Prozess ausgeht: das Drama wird kein glückliches Ende haben.

Bernhard Pörksen
Zum medialen Großereignis wurde Christian Wulff bereits Wochen vor seinem Rücktritt als Bundespräsident. Zahlreiche Recherchen brachten immer weitere Vorwürfe auf. Foto: dpa
Zum medialen Großereignis wurde Christian Wulff bereits Wochen vor seinem Rücktritt als Bundespräsident. Zahlreiche Recherchen...Foto: picture alliance / dpa

Vielleicht wird diese Geschichte, wenn der Prozess gegen Christian Wulff gelaufen ist, einmal den Namen Matroschka-Skandal bekommen. Denn wie jene russischen Puppen, in denen sich immer neue, immer kleinere, schließlich ganz und gar winzige, filigran bemalte Puppen und Püppchen verbergen, so ist es auch hier: Am Ende sind wir alle, Journalisten, Medienmenschen und Öffentlichkeit mit immer winzigeren Winzigkeiten befasst gewesen und dabei selbst immer kleiner und kleinlicher geworden, schrecklich empörte, seltsam giftig wirkende Zwerge, die sich über andere empörte Zwerge empören.

In diesen Tagen vor Gericht geht es noch um 753,90 Euro, ausgegeben beim Oktoberfest 2008. 2014 erfahren wir, ob sich Wulff in einem juristischen Sinne schuldig gemacht hat – aber was immer dabei herauskommt: Irgendwie hat diese ganze Affäre die öffentliche Sphäre in eine peinliche Püppchen- und Zwergensiedlung verwandelt. Und es ist diese giftig strahlende Peinlichkeit einer Endlosdebatte über Gratisurlaube, Hotel-, Flug- und Kredit-Schnäppchen und das Mitleid mit einem gebrochen wirkenden Menschen, die die Suche nach Schuldigen befeuert. Auf der Anklagebank sitzen auch an diesem Donnerstag längst nicht allein der Ex-Bundespräsident und der Filmproduzent David Groenewold, sondern auch Justiz, Staatsanwaltschaft und Medien, die sich geißeln. Ja, man sei „Teil der Meute“ gewesen; man habe sich in einen „Skandalisierungsexzess“ hineintreiben lassen, so heißt es.

Aber stimmt das? In welchem Augenblick hätten die Medien einfach schweigen, die Recherche einstellen sollen? Wann hätte man journalistisch loslassen müssen?

Die Affäre beginnt am 13. Dezember 2011 mit einer Enthüllung der „Bild“-Zeitung. Wulff hat – noch als niedersächsischer Ministerpräsident – den Landtag getäuscht. Er hat nicht direkt gelogen, aber eben doch ein wenig getrickst, befragt nach einer möglichen geschäftlichen Beziehung zu dem Unternehmer Egon Geerkens. In dieser allerersten Reaktion auf einen öffentlich erhobenen Vorwurf wird bereits das Grundmuster der gesamten Affäre sichtbar: Wulff (und später auch seine politischen Freunde und Geschäftspartner) erreicht durch die Art der Verteidigung zielsicher das Gegenteil: Der Kontrollversuch produziert erst den Kontrollverlust.

Wulff ruft – eine aus dem Affekt geborene Kontrollidee – den Chefredakteur von „Bild“ an. Er hinterlässt eine Wut- und Drohrede auf der Mailbox und schafft eben auf diese Weise ein Dokument von gnadenloser Beweiskraft. Er behauptet in einem TV-Interview, das als Befreiungsschlag geplant ist, er habe den „Bild“-Chef nur um Aufschub der Berichterstattung gebeten. Und fordert dadurch das Boulevardblatt erneut heraus.

Sein politischer Freund Peter Hintze ist es, der die Staatsanwaltschaft auf den Plan ruft, weil er bei „Günther Jauch“ auf einen Aktenvermerk verweist, den die Ermittler noch gar nicht kennen. Hintze meint hier Entlastendes präsentieren zu können. Aber die Staatsanwaltschaft erkennt hier eher den Versuch, die Nähe zu dem Unternehmer zu verschleiern.

Groenewold selbst fährt im Januar 2012 nach Sylt. Es geht – mal wieder – um Details, eine Hotelrechnung und die Frage, wer diese bezahlt hat. Auch hier sind es die Reaktionen auf Vorwürfe, die die Berichterstattung reanimieren und letztlich die Staatsanwaltschaft dazu bringen, die Aufhebung der Immunität zu beantragen – was unmittelbar zum Rücktritt führt. Dabei gerät die ursprüngliche Normverletzung (die Täuschung des Landtags) allmählich in Vergessenheit, aber immer neue Details und eine fortwährende Selbstbeschädigung durch das eigene Krisenmanagement munitionieren den großen Verdacht, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Niemand kann in dieser Situation Deutungshoheit gewinnen, eine abschließende Bilanz liefern – im Gegensatz zu der Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg, bei der nach 14 Tagen alle Betrügereien offenliegen.

Was folgt in der Affäre Wulff? Es ist das journalistische Bemühen, die Vorwürfe aufzuklären – dies allerdings im Tribunal des öffentlichen Raumes, der die Zuspitzung und nicht das Interesse an der Nuance fördert. Die Bevölkerung bleibt lange Zeit seltsam unentschieden. Publikums- und Medienempörung klaffen auseinander. Offen ist für viele nach wie vor: Geht es um den Versuch, einmal die dunkle Hinterbühne der Korruption auszuleuchten? Oder wird hier ein von Journalisten nie gewollter Bundespräsident öffentlich in den Staub getreten?

Wenn man die Berichterstattung analysiert, so zeigt sich, dass kein Anlass für pauschale Medienkritik besteht. Tatsächlich bildeten die Medien nach dem Scoop von „Bild“ eine selten einheitliche Front. In dieser Phase kommt es zu echten Grenzüberschreitungen. Manche Journalisten versuchen hier die Spießer-Fratze eines ewigen Schnäppchenjägers zu zeichnen. Und sie tun dies auf eine Weise, die frösteln lässt. Der frühe Besitz einer Rolex, ein paar Designerklamotten seiner Frau, ein Bobbycar – all dies wird zum Indiz. Als Höhepunkt darf folgende Anfrage einer Zeitung gelten: Stimmt es, dass Christian Wulff eines Tages Mitschüler mit einer Packung After Eight und etwas Kleingeld bestochen hat, um Schülersprecher zu werden? Das ist ein selbstvergessener Charaktertest-Journalismus in hypermoralischen Zeiten, allerdings keineswegs typisch für diese Affäre, aber den auch Rainer Brüderle und Peer Steinbrück verachten gelernt haben.

Noch einmal: Hätten Journalisten, einem durch Ungeschicklichkeit und Tricksereien immer wieder angeheizten Korruptionsverdacht auf der Spur, die Recherche einstellen sollen? Wer dies fordert, muss prophetisch begabt sein und schon am Anfang sicher wissen, dass am Ende an dem Verdacht nichts dran ist. Und doch hat, eben weil so lange vieles unklar blieb, bald eine journalistische Verunsicherung eingesetzt, die sich zu einer bis heute anhaltenden Selbstanklage steigert.

Branchenmagazine fühlen sich schon bald an den sinnlosen Hype um den Eisbären Knut erinnert und spotten über den Enthüllungseifer ihrer Kollegen. Journalisten attackieren sich gegenseitig und werden von ihren Lesern und den Anwälten des Ex-Bundespräsidenten attackiert und bereiten in einem Kollektiv der Aufgebrachten die Schlussphase vor, die Phase der moralischen und juristischen Anklage. Alle ringen um Eindeutigkeit und die Frage, was richtig gewesen wäre und was nicht und empören sich über die Empörung der jeweils anderen Seite.

Wulff hat sich indes entschieden, einen letzten Kontrollversuch zu wagen und das Angebot, das Verfahren gegen eine Geldzahlung einzustellen, abgelehnt. Nun soll das Urteil der Justiz endlich Gewissheit liefern, das öffentliche Stigma auslöschen. Ganz so, als sei dies in einer Mediengesellschaft möglich. Was sich nun bis 2014 hinziehen wird, ist der letzte Akt eines Dramas, von dem sich jetzt schon sagen lässt, dass es kein glückliches Ende haben kann.

Bernhard Pörksen, 44, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Hanne Detel veröffentlichte er das Buch „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“.

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