Medien : Konzert der Synapsen

Arte unternimmt Expeditionen ins Gehirn

Bas Kast

Wie viel, lieber Rüdiger Gamm, macht 62 durch 167? Kein Problem, sagt der Mann. Er legt seine Hände an die Schläfen und fängt an: 0,3712574850 ... – er hört gar nicht mehr auf. Bis auf 30 Stellen nach dem Komma spuckt sein Hirn Zahlen mit einer Leichtigkeit aus, als hätte man dem Mann nach dem Wochentag gefragt.

Rüdiger Gamm ist seit seiner frühen Kindheit, als er erstmal anfing, rückwärts zu sprechen, weil ihm das normale Sprechen zu gewöhnlich vorkam, ein Sprach-, Rechen- und Gedächtnisgenie. Leicht autistisch ist er auch. Ein „Savant“, wie es im Fachjargon heißt. Von ihnen handelt der erste Teil der Dokumentation „Expedition ins Gehirn“, die heute Abend auf Arte startet – eine faszinierende Reise ins Ich.

Es gibt nicht viele Savants weltweit, doch jene, die es gibt, sind in höchstem Maße verblüffend. Sie führen uns vor, dass sich die üblichen Grenzen unseres Gehirns fast beliebig sprengen lassen.

Kim Peek zum Beispiel, das lebende Vorbild für den Autisten, den Dustin Hoffman in dem Kinofilm „Rain Man“ spielt, kennt alle 10 000 Bücher, die er gelesen hat, auswendig – nach einmaligem Durchscannen. Nur ein Spiegelei braten, das kann Kim nicht.

Die meisten „Savants“ sind wie Rüdiger Gamm und Kim Peek („Kimputer“) von Geburt an außergewöhnlich. Aber daneben gibt es auch Menschen, die sich über Nacht in Savants verwandeln.

Orlando Sorell zum Beispiel, der wie ein ganz normales Kind aufwuchs. Bis am 17. August 1979 ein Baseball seinen Kopf so fest traf, dass der Junge bewusstlos zu Boden ging.

Seit diesem Tag hat Sorell eine phänomenale Begabung: Ihm fällt zu jedem Datum, das man ihm nennt, auf Anhieb der Wochentag und das Wetter ein, oft auch, was er an dem Tag gegessen hat, egal, ob das Ganze bereits ein Jahrzehnt oder noch länger zurückliegt. Der Schlag auf den Kopf hat dem Mann das perfekte Gedächtnis beschert.

„Das beweist, dass wir alle diese Fähigkeiten haben“, sagt der Psychologe Alan Snyder von der Universität von Sydney in Australien. „Sie werden nur von unserem Gehirn aktiv unterdrückt.“ In jedem von uns, ist der Forscher überzeugt, steckt ein kleines Gedächtnisgenie. Man müsste es nur herauslassen. Man müsste nur jene Teile im Kopf zum Schweigen bringen, die den Gedächtniskünstler in uns hemmen. Wie die Hirne der Savants das bewerkstelligen, weiß allerdings keiner.

Zumindest theoretisch steht dem absoluten Gedächtnis nichts im Wege. Wie der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth in der Dokumentation ausführt: Unsere Großhirnrinde zählt eine halbe Trillion Synapsen – die Kontaktstellen der Nervenzellen, die die physikalischen Träger des Gedächtnisses sind. Jede Synapse wiederum kann zehn verschiedene Zustände verkörpern. Damit ließe sich rein rechnerisch jedes Faktum der Erde abspeichern. Im Prinzip also, sagt Roth, ist unsere Gedächtnisleistung „völlig grenzenlos“. Warum das Gedächtnis dennoch manchmal eher wie ein Sieb arbeitet, ist auch den Wissenschaftlern noch ein Rätsel.

Ein Grund könnte darin liegen, dass das Gehirn, indem es vergisst, Wichtiges von Unwichtigem trennt. Savants sind extrem offen, sagt Alan Snyder. Während wir vor allem sehen, was wir erwarten, und die meisten Informationen, die auf unsere Sinne treffen, wegfiltern, gehen Savants mehr oder weniger filterlos durch die Welt. Und damit auch schutzlos. Nackt. Sie sehen und merken sich jedes noch so irrelevante Faktum.

Howard Potter etwa, ein Savant, der von jedem Spiel im Weltfußball das Ergebnis kennt, würde am liebsten allein im Stadium sitzen. Andere Menschen stören ihn, weil er nichts ausblenden kann. So wird sein Gehirn von Informationen geradezu überflutet. Schon Menschen ins Gesicht zu sehen, ist ihm eine Qual: Zu viele verwirrende Informationen prallen auf ihn ein, die er nur kaum einzuordnen versteht. Die klare Ordnung der Zahlen dagegen ist angenehm: Mit Wurzelziehen beruhigt Potter sein Hirn.

„Expedition ins Gehirn“; erster Teil „Gedächtnis-Giganten“, zweiter Teil „Der Einstein-Effekt“ und dritter Teil „Der große Unterschied“; Montag, Dienstag, Mittwoch, 19 Uhr auf Arte

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