Medien : „Korrektur nach unten“

Schumacher hört auf, RTL bleibt der Formel 1 treu: Manfred Loppe über Quoten, Helden und EM-Fußball

-

Herr Loppe, sind Sie als RTL-Sportchef an solchen Simulationen von Leibesübung wie „Dancing on Ice“ beteiligt?

Nein, genauso wenig wie an Promi-Boxen.

Dann zum Sport: Michael Schumacher beendet am Sonntag seine Rennfahrerkarriere. Was bedeuteten seine Triumphe für die Formel 1?

Um Michael Schumachers Bedeutung zu beurteilen, muss man bis nach 1992 zurückblicken.Als wir damals die ersten Gehversuche mit der neuen Formel 1 und mit Michael gemacht haben, gab es eine Million Zuschauer. Schumachers Motorplatzer in Suzuka vor zwei Wochen sahen trotz früher Stunde über fünf Millionen Menschen in Deutschland. Michael Schumacher hat den Motorsport in Deutschland auf einem hohen Niveau etabliert. Und damit meine ich nicht nur die motorsportaffine Kernzielgruppe der Männer, sondern auch den hohen Anteil von Frauen. Schumacher hat dazu beigetragen, dass die Formel 1 und der Motorsport zum Familien-Event geworden sind.

Wie lange verfügt RTL noch über Formel- 1-Rechte?

Bis einschließlich 2007.

Wie ist diese Saison gelaufen?

Diese Saison ist herausragend gelaufen, nicht nur im Vergleich zum Vorjahr, sondern auch über einen längeren Zeitraum gesehen. Trotz des immensen Sportangebots im Fernsehen ist der Marktanteil der Formel 1 gegenüber 2005 um fünf Prozent gewachsen. In zwölf von bisher 17 Rennen lag die Quote über dem Vorjahr.

Aber was ist für das nächste Jahr, für das erste Jahr ohne Schumacher drin?

Die weitere Entwicklung ist schwer zu prognostizieren, zumal gerade die Lokomotive abgekoppelt wird. Fakt aber ist, dass in Japan sieben deutsche Fahrer am Start waren. Das hat es noch nie gegeben. Michael Ammermüller, Adrian Sutil, Nico Rosberg, Nick Heidfeld, Sebastian Vettel sowie Ralf und Michael Schumacher. Fest steht: Es wird auch in Zukunft eine erfolgreiche Formel 1 aus deutscher Sicht geben.

Das Schumi-Ende soll ohne Auswirkung auf die Quote bleiben?

Nein, das habe ich auch nicht gesagt. Man muss abwarten, in welchen Bereichen wir uns dann bewegen. Natürlich wird es eine Korrektur nach unten geben. Aber es wird nicht so sein, wie es einige meinen, die schon Vergleiche mit Tennis anstellen …

… das nach der Ära Becker und Graf noch eine Zeitlang auf Sendung blieb, dann aber immer weiter zurückging. Warum sollte es bei der Formel 1 anders sein?

Jede Familie in Deutschland hat ein Auto vor der Tür und bewegt sich mit dem Auto. Beim Thema Tennisschläger ist mir nicht bekannt, dass jede Familie zwei Tennisschläger zu Hause hat. So wie es in Deutschland eine Sozialisation mit Fußball gibt, so gibt es eine motorsportspezifische Sozialisation. Ob die Menschen den Zugang zu diesem Sport intensivieren, hängt dann auch von uns ab.

Es gibt also für RTL keinen Grund, Schumachers Vorbild zu folgen und auf dem Höhepunkt der Quote aufzuhören?

Es klingt manchmal so, als ob wir gerade für die Formel 1 die Gruft ausgehoben hätten. Nein, wir werden den Formel-1-Sendebetrieb aufrecht halten. Das gilt für das Programm und für RTL insgesamt.

Wird es auch beim RTL-Team König, Lauda, Ebel, Danner und Wasser bleiben?

Auf jeden Fall. Um jedwede Spekulationen auszuräumen: Wir werden uns 2007 genauso intensiv mit der Formel 1 beschäftigen, wie wir es in den vergangenen Jahren gemacht haben. Das betrifft das Personal, die Programmzeit, die Programmintensität.

Gibt es 2007 einen RTL-Formel-1-Kommentator Michael Schumacher?

Michael Schumacher wäre auf jeden Fall eine sehr große Bereicherung für das Team. Aber er hat sehr eindeutig signalisiert, dass er erst einmal Pause macht. Was nach der Pause ist, weiß ich nicht.

Trotzdem ist RTL die Formel 1 nicht genug. Der Sender steigt wieder ins TV-Boxen ein. Fällt das in Ihr Ressort oder gehört das zur Unterhaltung?

Das zählt zum Sport.

Die anstehenden Kämpfe der Comeback-Boxer Henry Maske und Axel Schulz werden mitunter als Rummel-Fights bezeichnet. Ist das ungerecht?

Diese Kritik ist für mich nicht nachzuvollziehen. Die beiden Sportler machen sich über diesen Schritt seit einem Jahr Gedanken, und sie wissen genau, was sie wollen. Beide bereiten sich intensivst vor, in diesen Sport zurückzukehren. Im Übrigen hat jeder Skeptiker die Gelegenheit, die beiden in den USA beim Training zu beobachten und sich selbst ein Bild von deren Leistungsfähigkeit zu machen. Fast alle, die es bereits getan haben, sind sehr beeindruckt zurückgekehrt.

Formel 1 und Boxen sind bei RTL gesetzt – und dann?

Wir haben Skispringen. Sven Hannawald und Martin Schmitt waren sicher ein sehr hohes Niveau. Aber auch in den letzten beiden Jahren ohne vermeintlich deutsche Favoriten haben wir ein hochanständiges, vernünftiges Niveau übertragen. Wir reden da immer noch über sechs, sieben Millionen Zuschauer. Der Event allein zieht schon noch, auch wenn der Sport den Helden als Katalysator braucht.

Der Fußball boomt und RTL schaut vom Rand aus zu. Betrüblich?

Fußball bleibt immer eine attraktive TV-Sportart, auch für uns nach der auch für RTL sehr erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft. Bundesliga, Länderspiele, DFB-Pokal sind bis 2009 gebunden. Das nächste interessante Thema für uns ist die Fußball-Europameisterschaft 2008. Wir werden uns an den Verhandlungen für die Übertragungsrechte an der EM 2008 beteiligen, wenn sich das in vertretbaren Rahmenbedingungen bewegt.

Welche Sportart eignet sich noch zum Event-Fernsehen?

Wir haben in Deutschland Fußball und die Formel 1 und wir haben Boxen als Single-Event. Das sind die drei Großen. Dann kommen noch Skispringen und Biathlon für die Winterperiode. Danach müssen sie schon sehr lange darüber nachdenken, wo die massenattraktiven Ereignisse sind, es sei denn, es stehen Welt- oder Europameisterschaften an. Ich denke dabei besonders an die Handball-WM 2007, wo es für die deutschen Spiele ein übergeordnetes Interesse gibt.

Das Interview führten Joachim Huber und Kurt Sagatz.

Der Formel-1-Sonntag beginnt bei RTL um 17 Uhr 15 mit der Reportage „Tschüss Michael – Die Saison 2006“. Um 18 Uhr startet die Übertragung vom Großen Preis von Brasilien. Um 21 Uhr 15 folgt „Auf Wiedersehen, Champion“ live aus Sao Paulo.

Manfred Loppe, 48, ist seit 1998 Sportchef von RTL. Zuvor hatte er als Reporter unter anderem von der Formel 1, Tennis und von der Fußball- Champions-League berichtet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben