Kostümdrama : Geht das?

Gérard Depardieu spielt Rasputin, den Hellseher der Zarin. Zumindest rein körperlich ist das eine Fehlbesetzung.

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Frage aller Fragen: Wer sah russischer aus? Der Franzose Gérard Depardieu (im Bild) oder Ivan Rebroff, der als Hans Rolf Rippert in Berlin-Spandau geboren worden war? Foto: Arte
Frage aller Fragen: Wer sah russischer aus? Der Franzose Gérard Depardieu (im Bild) oder Ivan Rebroff, der als Hans Rolf Rippert...Foto: dpa

Der Kernsatz fällt in den ersten Minuten. Zarin Alexandra spricht ihn aus, an Rasputin gerichtet, den Wunderprediger, den es aus dem fernen Sibirien nach Sankt Petersburg verschlagen hat, an den Zarenhof. „Dein Platz ist jetzt bei uns“, sagt Alexandra, und das vieldeutige Lächeln, mit dem Rasputin den Gruß erwidert, lässt den Zuschauer einen Moment lang den Film vergessen. Denn hier lächelt plötzlich nicht mehr Rasputin, hier grinst hinter seinem angeklebten Bart Gérard Depardieu, der Wundermime, den es aus dem fernen Frankreich nach Russland verschlagen hat, an den Hof von Zar Wladimir. Sein Platz ist jetzt hier.

Absicht oder nicht, der Zeitpunkt für die Ausstrahlung des französisch-russischen Kostümdramas „Rasputin – Der Hellseher der Zarin“ ist gut gewählt. Noch ist die Nachricht frisch von Depardieus Steuerflucht aus Frankreich und der überraschenden Einbürgerung durch Wladimir Putin. Der Film indes ist älter: Schon 2011 lief er im französischen Fernsehen. Auch Depardieus Liebe zu Russland soll, glaubt man den Worten des Schauspielers, nicht erst im Zuge seiner Frankreichflucht entfacht sein. Schon seit Jahren will der Schauspieler davon geträumt haben, einmal den dämonischen Zauselbart Rasputin zu mimen.

Der Film setzt nach dem Tod des Wanderpredigers ein, und zwar in jenem Moment, in dem Rasputins letzte düstere Prophezeiung historische Wirklichkeit wird. „Zar Russlands“, so hatte er 1916 in einem Brief an Nikolai II. gewarnt: „Wenn du die Glocke hörst, die dir sagt, dass Grigorij ermordet wurde, so wird keins deiner Kinder noch zwei Jahre lang leben, und Russland wird dem Teufel in die Hände fallen.“ Keine zwei Jahre später stehen Nikolai und seine Familie in Jekaterinburg einem revolutionären Erschießungskommando gegenüber. Ein paar blutige Minuten, dann ist Russlands Monarchie Geschichte, und auch wenn es nicht der Satan ist, der fortan das Land regiert, so doch immerhin die strikt antiklerikalen Bolschewiken.

Der Untergang der Romanow-Dynastie hatte sich freilich lange vorher abgezeichnet, und in Russland sah mancher gerade in Rasputin das grellste Symptom für den Kontrollverlust des russischen Herrscherhauses. Im Film gibt sich Depardieu redliche Mühe, den Wanderprediger in all seiner Widersprüchlichkeit greifbar zu machen: auf der einen Seite der ungewaschene, triebhafte, unflätig fluchende Bauernsohn Grigorij, über dessen sündige Eskapaden sich bald halb Petersburg das Maul zerreißt; auf der anderen Seite der rätselhaft begabte Wunderheiler, der die inneren Blutungen des todgeweihten Zarensohns stillt und trotz seiner ärmlichen Herkunft zum engsten Vertrauten der Zarin avanciert.

Rein körperlich ist Depardieu in dieser Rolle eine Fehlbesetzung: Der historische Rasputin war hager, und als charakteristischstes Merkmal beschreiben Zeitgenossen seinen bleichen, stechenden Hypnoseblick, an dem sich der eher hundsäugige Depardieu zum Glück erst gar nicht versucht. Dass der französische Star in diesem Film nicht eben glänzt, dürfte denn auch eher an der ermüdend hölzernen Inszenierung liegen. Nicht nur Depardieu, auch die breite Riege russischer Schauspielstars, die diese Koproduktion versammelt, machen über weite Strecken des dialog- und kostümlastigen Films einen steifen, eingeengten Eindruck.

Erzählerisch folgt die Handlung weitgehend den historischen Ereignissen. Während Rasputin an Einfluss gewinnt, stolpert Russland in den Ersten Weltkrieg. Der führungsschwache Nikolai klammert sich an die Macht, das Volk stöhnt, die Revolution gärt, bis auf dem Höhepunkt der Krise schließlich ein Zirkel zarentreuer Aristokraten beschließt, die russische Monarchie zu retten: Rasputin soll sterben. Unterstützen lässt sich die Mörderbande – und hier genehmigt sich der Film seine einzige verschwörungstheoretische Abschweifung – vom britischen Geheimdienst, der Rasputin für einen deutschen Agenten hält.

Der Rest des Films schildert in epischer Breite einen der wohl stümperhaftesten Morde der Weltgeschichte: Erst wird Rasputin vergiftet, was ihn nicht weiter beeindruckt, dann in den Rücken geschossen, was ihn nur vorübergehend zu Fall bringt, bis seine Mörder ihn schließlich mit Kugeln durchsieben und zur Sicherheit in der zugefrorenen Newa versenken. Ein immer noch nicht ganz toter Depardieu treibt am Ende unter dem Eis, gescheitert, weil sein Pakt mit Russlands Machthaber nicht aufging. Ein Schelm, wer Übles dabei denkt.

„Rasputin – Der Hellseher der Zarin“. 20 Uhr 15, Arte

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