Medien : Krampf am Rhein

Fritz Pleitgen und die heikle Frage, wer 2007 Intendant des WDR wird

Thomas Gehringer,Joachim Huber

Fritz Pleitgen hat für die zweite Hälfte des Jahres 2007 genaue Pläne: Er will ein Buch über seine journalistischen Erfahrungen schreiben und zwei Reisereportagen drehen. Ab dem 1. Juli nächsten Jahres hätte der heute 68-Jährige dafür Zeit, dann endet seine zweite Amtsperiode als Intendant beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). Die Vorbereitungen für das Abschiedsfest haben längst begonnen.

Ein seltsames Manöver der CDU/FDP-Vertreter im WDR-Rundfunkrat hat aus der Nachfolgefrage für einen der wichtigsten Posten in der deutschen Medienlandschaft ein Possenspiel mit ungewissem Ausgang gemacht. Und Fritz Pleitgen, einer der profiliertesten Köpfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, hat sich dabei – nicht ohne eigenes Verschulden – eine stattliche Beule zugezogen.

Der Rundfunkrat des WDR sollte nach der Planung des Vorsitzenden Reinhard Grätz (SPD) eine Findungskommission bilden, die mögliche Kandidatinnen und Kandidaten für die Pleitgen-Nachfolge sucht. Fritz Pleitgen jedoch gab in der Gremiensitzung am Dienstagabend eine persönliche Erklärung ab, in der er sich zu einer weiteren Amtszeit bereit erklärte, falls sich das Gremium nicht auf eine Nachfolge einigen könnte und falls es ihn dazu auffordern würde. Ein Fritz Pleitgen bewirbt sich nicht, soll das heißen, aber wenn man ihn ganz fest bitten würde, könnte er sich überreden lassen. Was zuletzt mehr und mehr Mitglieder des Rundfunkrats, der Geschäftsleitung und der Mitarbeiterschaft getan hätten, wie Pleitgen sagte.

Die Anerkennung der Rundfunkräte für Pleitgens Verdienste ist nicht zu verwechseln mit dem allgemeinen Wunsch, dass der 68-Jährige weiter Intendant bleibt. Bei der Sitzung scheiterten Vertreter von CDU und FDP sowie parteiunabhängiger Verbände mit einem Initiativantrag, der „Herrn Pleitgen“ auffordert, sich erneut für eine Kandidatur zur Verfügung zu stellen. Zur Begründung wurde ein eindrucksvolles Loblied angestimmt: „Hervorragende Kontakte“, „hohes Ansehen“, „langjährige Erfahrungen“, „ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit“.

Aber so ganz überraschend kam das „handstreichartige Vorgehen“, wie Marc-Jan Eumann, medienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag urteilt, auch nicht: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte bereits am Montag über den bevorstehenden Coup berichtet. Die SPD, deren Mitglied Fritz Pleitgen ist, witterte hinter diesem Antrag politisches Kalkül. Im Jahr 2009 wird der Rundfunkrat neu gewählt. Bis dahin könnte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) durch eine Änderung des WDR-Gesetzes die Zusammensetzung des Kontrollgremiums verändern und die politischen Gewichte verschieben. Also: Jetzt Pleitgen wählen und dann einen Bewerber küren können, der dem konservativen Lager nahe steht. Dass Pleitgen, der sich mit Rüttgers weit besser versteht als mit SPD-Vorgänger Peer Steinbrück, keine komplette sechsjährige Amtszeit mehr ausfüllt, darf angenommen werden.

Die SPD-Vertreter brachten im Rundfunkrat einen eigenen Antrag ein, der mit 22 Stimmen die nötige Mehrheit bekam. Demnach wird es nun doch einen „Wahlvorbereitungsausschuss“ geben, der dem Rundfunkrat einen Wahlvorschlag unterbreiten soll. Dieser Ausschuss sucht vorerst keine neuen Kandidaten, sondern „führt zunächst Gespräche mit Intendant Fritz Pleitgen im Hinblick auf mögliche Optionen der Wiederwahl“. Ein seltsamer Kompromiss ist das: Eigentlich wollte Pleitgen nur Intendant bleiben, falls sich der Rundfunkrat nicht auf einen Nachfolger einigen könne. Nun soll er sich als Erster äußern, ehe der Rundfunkrat überhaupt mit der Suche nach einem Nachfolger begonnen hat.

So haben am Ende alle Seiten verloren: Vor allem natürlich die CDU, weil sie sich eingebildet und Fritz Pleitgen – fälschlicherweise – signalisiert hat, sie hätte die Mehrheit für ihn erfolgreich organisiert. Der WDR-Rundfunkrat steht beschädigt da, zumal das Gremium den Verdacht genährt hat, dass dort politische Strippenzieher am Werk sind.

Noch gibt der WDR-Rundfunkrat in Köln eine Posse – die freilich das Zeug zum Drama hat. Wer fühlt sich jetzt nicht an die Intendantenwahl beim ZDF in Mainz erinnert? Dort sollte Ende 2001 ein Nachfolger für Dieter Stolte benannt werden. Die „roten“ und die „schwarzen“ Freundeskreise blockierten sich über Wochen, ehe der Konflikt mit der Erschöpfung der Kombattanten und der Wahl von Programmdirektor Markus Schächter zum ZDF-Chef endete. Nur schön ist es auch am Rhein nicht.

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