Medien : Krawatten und Krawalle

Das also war der G-8-Mediengipfel in Heiligendamm

Carolin Fetscher,Joachim Huber

Von Mal zu Mal eskalieren die medialen Begleiterscheinungen der G-8-Machtgipfel. Waren sie vormals noch eine Art diskreter Maximal-Begegnung der Väter, Großväter und Onkel, „naturgemäß“ ohne Mütter, Tanten und andere Ladies, sind sie inzwischen mutiert zum Medienereignis par excellence.

Jeder Sender, jede Zeitung, die etwas auf sich hält, musste dutzendweise Personal bereitstellen, „embedded“ im Inneren der für die anderen und übrigen „verbotenen Zone“, wie ein n-tv-Reporter den Bezirk in Heiligendamm nannte, oder aber „im Feld“, draußen bei den Protestlern, die mit Camps und Kunst ihre Protestaktionen medial zu vermarkten suchten. Von innen sah es sehr krawattig und seriös aus. Erst konnten wir, etwa mit n-tv, in den Himmel starren, während die Flugzeuge mit Mächtigen im Landeanflug auf den Landeplatz Rostock-Laage waren. Andreas Meissner von n-tv etwa sagte, erfreut, dass er dabei sein durfte, als Tony Blair landete: „Hier auf dem Flughafen läuft alles sehr gesittet und sehr entspannt ab.“ Etwas enttäuscht war man im Studio, wo der Moderator nach Behinderungen von Journalisten gefragt hatte. Welcher Durchgekommene würde da meckern? Oft auch sah man lange nichts, und die Fernseh-Redaktionen werden einen wie Rolf Seelmann-Eggebert vermisst haben, der wenigstens die prominenten Wartenden oder die Bäderarchitektur oder das rasch wechselnde Outfit der G-8-Damen mit Joachim „First Gentleman“ Sauer an der Spitze mit raunender Sachkenntnis bedacht hätte.

Während alledem wurde unter den Mächtigen tatsächlich dynamisch verhandelt in den weißen Villen am Ostseegestade. Das konnte niemand sehen – die Bilder von Strandspaziergängen, Gruppensitzung im XXL-Strandkorb und scheinbaren Ad-hoc-Pressekonferenzen waren alles, was uns draußen erreichte. Doch zumindest die Kollegen, die aus der privilegierten Position der embedded journalists dort waren, vermeldeten auf ARD und ZDF erfreut, ein „Klima-Kompromiss“ sei gefunden. Erst später wurden die Reaktionen reflektierter, mindestens so gemischt wie die Schlagzeilen der Tagespresse am Freitag. Während Deutschlands größtes Boulevardblatt die G-8-Ergebnisse gleich sehr persönlich nahm: „Bild ernennt Merkel zur Miss World“ (obwohl Angela Merkel eine „Misses“ ist) und das „Handelsblatt“ in vergleichbarer Perspektive titelte „Merkel erringt Klima-Kompromiss“, gab sich die „Süddeutsche Zeitung“ nüchtern: „G-8-Gipfel einigt sich auf Klimaziele“. „Der Gipfel am Ostsee-Strand“ – bei der „Frankfurter Rundschau“ schaffte es eine Ortsmarke auf Seite eins. Die „Financial Times Deutschland“ verbreitete ironische Skepsis: „G 8 erwägen die Rettung der Welt.“

Die Schlagzeile der „Frankfurter Allgemeinen“ – „Durchbrüche in Heiligendamm“ – intonierte das Geschehen auf den beiden Seiten vom berühmtesten Zaun dieser Tage. Immer wieder, auf allen Kanälen, ob öffentlich-rechtlich oder privat, zeigten Luftaufnahmen die Binnensphäre der G-8-Zone, mit dick markierten, von Computer-Graphikern rot- oder schwarz nachgezogenen Außengrenzen. Noch interessanter als der Gipfel selbst – geschweige denn seine Inhalte – schien den meisten elektronischen Medien die Polizei mit Helikoptern, Hundestaffeln, Stacheldraht und Pferdestaffeln und deren Widersacher, erkennbar als kunterbunte oder bockig schwarz blockierende Protestszene. Bei denen war was los, sie liefen durch Wälder und durch Felder, wo die G-8-Prominenz nur auf feinstem Rasen wandelte. Anstatt zwischen vier Wänden sich bedeckt zu halten, vermummten die G-8-Kritiker sich öffentlich oder zeigten bemalte Haut und überfahrene Schlauchbootraser von Greenpeace. Da war Leben in der Bude, nicht nur steife Machtposen und -possen, bei denen die Inszenierung durch die Fernsehkameras überscharf belichtet wurde.

In den Suppenküchen und Zeltlagern, bei den Steinschleudern und Skimasken der „Szene“ fühlten sich die Reporter offensichtlich wie befreit vom höfischen Gepränge. Da gab es eine „Story“. Aber worum ging es? Zum Glück waren ein paar Journalisten in diesen Tagen und zum Berichten in Afrika. Einige befassten sich mit den Details der Makro- und Mikroökonomie anstatt mit dem Trägerkleid der Madame Sarkozy oder den Luftballons der rührenden, zornigen Zaungäste des Gipfels. Das war er also.

0 Kommentare

Neuester Kommentar