Medien : Krieg als Unterhaltung

„Militainment“ heißt ein erfolgreiches wie fragwürdiges Fernsehformat

Hendrik Feindt

Im vergangenen Jahr war vieles noch den Gedenksendungen zum Ende des Krieges vor 60 Jahren zuzurechnen. Wann immer man etwa den Sender N24 auf dem Bildschirm hatte, waren die einschlägig heroischen Ausschnitte aus Wochenschauen zu sehen. Durch Wellen und Gischt stampfende Marine. Durch Schlamm vorrückende Heere. Fliegerstaffeln und Bombenabwürfe. Mörser, Granaten, Raketen, Ruinen. Und als auf demselben Sender eine nach Amerika emigrierte Historikerin ihre Mutmaßungen über das Liebesleben von Eva Braun und deren Lebensgefährten feilbot, war es wohl eine der zahllosen Verbrämungen des Historischen ins Private, die schon der Kinofilm vom „Untergang“ ausschlachtete. Ein Jahr später, 2006, ist es nicht anders. Weiterhin die Spekulationen und die Spezifikationen über Welteroberung und Waffentechnik, über Durchhaltestrategien und über Durchschlagskräfte. „Militainment“ heißt das Fernsehformat unter Experten. Das ist zugleich funktionalistisch zu verstehen, denn die Unterhaltung durch Krieg kann dessen Verharmlosung bedeuten.

Eine Tendenz, die sich nicht auf einen Sender beschränkt. So kokettieren diverse Folgen von „zdf history“ immer wieder mit dem Spektakulären der Kriegskamerabilder. Und auf Arte werden von heute an immer samstags in einer aufwendig produzierten Dokumentation vier „große Schlachten“ der Neuzeit rekonstruiert, deren Verlauf und Ausgang jeweils nachhaltig die Geschichte Mittel- und Westeuropas beeinflussten: das eine Mal in der Auseinandersetzung mit der islamischen Welt (Wien 1529), das andere Mal interkonfessionell (Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg) und zweimal gegen das bald als „Erbfeind“ geltende Frankreich (1813 in Leipzig und 1870 vor Sedan). Sicherlich sind die Sendungen mit lauteren Absichten verbunden: Von „eindringlichen Dokumenten menschlicher Leidensfähigkeit“ und einem „eindringlichen Appell für ein friedliches Zusammenleben“ ist die Rede. Aber zugleich sollen es „Wissenschaftskrimis“ sein, die auf den Suspense jeder Wendung des Geschehens erpicht sind.

Vielleicht wird daher im Fernsehen den Belagerungskriegen der Vorzug gegeben. Anders als beispielsweise die Hügel und Wiesen bei Waterloo oder in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt bieten sie mit ihrem Wechsel von Stadt und Umland, von Eingeschlossenen und außen Drängenden, ein größeres szenisches und dramaturgisches Potenzial. Und sie erlauben einen facettenreichen Blick auf die Zivilbevölkerung, der dem heutigen Zuschauer ein Mitempfinden ermöglichen soll. Das ist es schließlich, was die heutige Sicht auf den Krieg so lebensnah einüben kann: Nicht so sehr, welches die politischen Ursachen der Kriege gewesen sind – das wird in jeder Folge mit zwei, drei Sätzen abgeklärt. Sondern: Wie war die Versorgung mit Lebensmitteln im Krieg? Oder: Wie war das Verhältnis zwischen Söldnern und Städtern?

Maßgebliches Mittel dazu ist das Neu-Inszenieren oder Wieder-Inkraftsetzen: Aus dem Off steht in tragendem Tonfall ein Berichterstatter für Chronologie und Fakten ein, und schriftlich überlieferte Erinnerungen von Zeitzeugen werden verlesen. Für das Auge des Betrachters hingegen dominieren neben den zeitgenössischen Darstellungen – Stichen, Flugblättern und Zeichnungen meist propagandistischen Gepräges – vor allem die bildmächtigen, kostüm- und dekorgetreu nachgestellten Szenen. Hunderte von Komparsen suggerieren desto mehr den Eindruck des Dabeigewesenseins, je ungestümer eine zu Reißschwenks bereite Kamera die Unberechenbarkeit von Kriegshandlungen vermittelt. Da entwickeln dann selbst die in Interviews zu Rate gezogenen Historiker ein merkwürdiges Verständnis für die hemmungslosen Schübe von Gewalt, mit der plündernde Soldaten die Besiegten massakrieren.

Gewiss, Bilder dürfen den Anspruch erheben, Zeugen zu sein. Yo lo vi – ich habe es gesehen, hatte Goya einst unter einige seiner Blätter von den „Greueln des Krieges“ geschrieben. Aber mit dem Bildmittel televisueller Neuinszenierung, im Grunde einer Vorgeblichkeit von Authentizität, wird der Zeugenstand des Bildberichtes denunziert. Die Gleichsetzung von Krieg und Fernsehen ist spätestens mit den Schriften Paul Virilios zum Gemeinplatz geworden. Doch nach den computersimulierten Gefechten und der Praxis von „embedded journalists“ könnte eine neue Phase der Präsenz des Krieges auf dem Bildschirm angebrochen sein.

„Die großen Schlachten“, vier Folgen: Arte, samstags, 20 Uhr 40, Folge 1: Die Türken vor Wien

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