Medien : Krieg der Sterne

Mit neuen Rubriken und flexiblem Redaktionsschluss will die Gruner + Jahr-Illustrierte den „Spiegel“ angreifen

Ulrike Simon

So angriffslustig war der „Stern“ lange nicht. Wohin man schaut, wird in Verlagen und Redaktionen Trübsal geblasen. Manche versuchen sich auf hilflose Weise, selbst Mut zuzureden. Beim „Stern“ am Dienstag in Hamburg neigte man daher fast dazu zu fragen, wo es diese Pillen zu kaufen gibt, die einen so motiviert und angriffslustig machen.

Es könnten die Auflagenzahlen sein, die die Macher des „Stern“ wachgerüttelt haben. Noch nie in seiner 54-jährigen Geschichte hat der „Stern“ weniger als eine Million Hefte verkauft. In diesem Jahr unterschritt er diese psychologische Marke gleich dreimal, mit den Ausgaben 2, 4 und 5. Das war bis dahin unvorstellbar beim Flaggschiff des Verlages Gruner + Jahr. Und noch nie verkaufte der „Spiegel“ mehr als der „Stern“, über den Rudolf Augstein einmal sagte, das sei lange Jahre die einzige und wichtigste Konkurrenz zum „Spiegel“ gewesen. Es kam 1993 das Münchener Magazin „Focus“ dazu, das heute gerade mal 787 000 Exemplare verkauft. Der „Spiegel“ überstrahlt das mit aktuell 1,109 Millionen verkauften Exemplaren. Und er überstrahlt seit einem Jahr auch den „Stern“, der aktuell 1,083 Millionen Käufer pro Heft findet. Es schien Gesetz zu sein, dass die Auflage des Vergnügungsdampfers „Stern“ über der des politischen Magazins „Spiegel“ liegt. In grauen Vorzeiten betrug der Abstand gar eine Million. Seit einem Jahr gilt dieses Gesetz nicht mehr. Der Marktführer bei den Wochenmagazinen heißt „Spiegel“. Den Machern des „Stern“ ist das ein Dorn im Auge.

„Wir wollen wieder Marktführer werden“, sagt „Stern“-Verlagsgeschäftsführer Bernd Buchholz. Sein Ziel ist es, 2003 im Jahresdurchschnitt 1,1 Millionen Hefte zu verkaufen und in der zweiten Jahreshälfte den „Spiegel“ wieder auf den zweiten Platz zu verweisen. Wie das geschehen soll, das erzählten am Dienstag die beiden Chefredakteure Andreas Petzold und Thomas Osterkorn. Eine ganze Reihe von Neuerungen gibt es ab dem ersten Heft des neuen Jahres. Eine davon ist gar keine Neuerung, sondern eine Wiederauferstehung. Die Älteren mögen sich an den Spruch erinnern: „Kinder haben ,Sternchen’ gern, ,Sternchen’ ist ein Kind vom ,Stern’.“ Die vom „Stern“-Gründer Henri Nannen erfundene Kinderseite, die 1993 abgeschafft wurde, wird es ab 2003 wieder geben. Zwei Seiten mit Geschichten, Rätseln und Comics für Sieben- bis Elfjährige, die man sammeln bzw. heraustrennen kann, falls der restliche „Stern“ zu viele Grausamkeiten oder Erotik zeigt. Die Illustrierte will damit junge Leser an den „Stern“ gewöhnen.

Neben dem Sternchen, das viele Leser vermisst hatten, gibt es eine andere Neuerung. Sie widerspricht dem, wofür der „Stern“ immer stand. Stets wurde Henri Nannens Illustrierte als „Wuntertüte“ bezeichnet. Als eine Zeitschrift, die jede Woche neu erfunden werden muss. Fast alle Nachfolger des „Stern“-Gründers scheiterten an diesem Anspruch. Sie hätten nicht das Bauchgefühl, das für so eine Zeitschrift notwendig ist, hieß es dann immer. Es ging so weit, dass man Aggressionen spürte, sobald man im Gespräch mit einem „Stern“-Chefredakteur wagte, das Wort „Wundertüte“ in den Mund zu nehmen. Osterkorn und Petzold haben das Prinzip „Wundertüte“ jetzt einfach abgeschafft. Getreu dem Werbespruch „behalten Sie den Überblick“, heißt das neue Zauberwort „Struktur“. Bisher erschien der „Stern“ 35 Mal im Jahr mit einem Themenjournal in der Heftmitte. Mal handelte es von Reisen, mal von Autos, mal von Mode. Diese Journale wird es künftig weitaus seltener geben. Stattdessen findet der Leser ab 2003 in jedem Heft die Rubriken Mode, Style, Lebensart, Auto, Reisen, Sport und Wissenschaft. Verlässlicher und gar nicht mehr wuntertütenartig wird der „Stern“ dann sein. Der Leser werde nun regelmäßiger den „Stern“ kaufen, glauben die Macher – und die Anzeigenkunden obendrein regelmäßiger Anzeigen schalten.

Neu ist auch das Format: Kaum merkbar wird es in der Höhe und Breite um 5 mm schrumpfen. Die Folge: Das Heft wird aktueller. Die paar Millimeter führen zu einer Platzersparnis, die es erlaubt, künftig 144 statt 128 Seiten aktuell zu produzieren und zu drucken. Damit kann die Redaktion sechs bis neun Stunden länger am aktuellen Heft arbeiten, gedruckt wird erst in der Nacht zum Dienstag. Damit vermeidet die Redaktion, dass der „Stern“ am Verkaufstag Donnerstag schon wie von gestern wirkt. Der neu ausgehandelte Druckvertrag und die kleine Formatänderung ermöglichen mehr Flexibilität. Bei großen Ereignissen kann der „Stern“ künftig schneller reagieren, „wir können jetzt an jedem Tag der Woche erscheinen“, sagte Buchholz. Um auf die Neuerungen aufmerksam zu machen, startet eine Werbekampagne, die sich der „Stern“ fünf Millionen Euro kosten lässt. Den besten PR-Mann scheint der „Stern“ jedoch in der eigenen Redaktion gefunden zu haben. Was die Chefredakteure nicht schafften, bewirkt ihr neuer Vize Hans-Ulrich Jörges in Berlin. Als ihren Anchorman bezeichnen Osterkorn und Petzold ihn inzwischen und freuen sich über seine rege Medienpräsenz in Radio und Fernsehen. Vor allem aber über die politische Relevanz, die er wieder ins Blatt gebracht hat – zuletzt mit dem ersten Möllemann-Interview seit dessen Flucht auf die Kanaren. Haltung zeigen, politisieren, polarisieren und damit im Politik-Geschehen auffallen, das sind die Mittel, mit denen der „Stern“ wieder von sich reden machen will.

Nicht zu vergessen die Ableger des „Stern“: das Spezialheft „Biographie“ wird langer, schwerer Geburt ab 2003 endlich regelmäßig, viermal im Jahr, erscheinen. Weitere Ableger neben den bestehenden („Stern-Chronik“, „Stern Campus und Karriere“, „Stern-Fotographie“) könnten folgen. Zum Beispiel einer für 20- bis 30-jährige Leser, an dem in München zurzeit sechs Journalisten und Grafiker arbeiten, die allesamt die eingestellte und von vielen vermisste SZ-Jugendbeilage „Jetzt“ von innen kennen. Petzold sagt, man lasse der Entwicklungsredaktion freien Lauf, vielleicht werde ein Magazin daraus, vielleicht eine Beilage, vielleicht werden die Ideen auch nur für den „Stern“ genutzt. Trial and Error. Der „Stern“ investiert, statt Trübsal zu blasen.

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