Medien : „Krieg gibt mir keinen Kick“

ZDF-Korrrespondent Ulrich Tilgner bleibt weiter in Bagdad

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Herr Tilgner, wie wird aus einem Kriegsreporter wieder ein normaler Korrespondent?

Ich bin aus einem Journalisten, der sich für soziale Bewegungen im Nahen Osten interessiert, zu einem kriegserfahreren Korrespondenten geworden – genauso geht der Weg zurück. Ich bin nicht derjenige, der von einem Krisenpunkt zum anderen springt. Der Krieg gibt mir keinen Kick. Mein Hauptaugenmerk in Bagdad liegt jetzt auf der bedrückenden Welle der Plünderungen, des Brandschatzens, des Raubens, des Zerstörens von Strukturen. Dann steht natürlich die Frage an, wie der politische Neuaufbau Iraks passieren wird – und das hat schon gar nichts mehr mit Kriegsberichterstattung zu tun.

Bagdad wird ausgeplündert und die USSoldaten sehen zu.

Dass die Amerikaner bei den Beutezügen und der Zerstörung von Verwaltungsstrukturen nicht eingreifen, zeigt für mich, dass hier Rahmenbedingungen für ganz andere Entwicklungen und Fakten geschaffen werden sollen: Nur noch die US-Armee taugt für die Sicherheit und die Verwaltung dieses Landes. Der Irak wird unregierbar, es sei denn durch US-Truppen, durch Exil-Iraker aus den USA oder die Leute, die monatelang in Ungarn ausgebildet wurden. Noch eine These: Wenn die Iraker ihre Beute an den Panzern vorbei schleppen dürfen, dann sind sie mitschuldig an dem, was passiert, dann sind sie auch an der Okkupation beteiligt. Da wird ein Stück Entlastung für die Okkupanten geschaffen, ein Schuldbewusstsein bei den Plünderern, eine Komplizenschaft.

Die Momente der Angst …

Das Bedrückendste war der Mittwoch, der Moment des herrschaftsfreien Raums, als die Plünderer unser Hotel ins Visier nahmen, als Kollegen mit zerschossenen Frontscheiben zurückkamen. Oder als die Panzergranate in meinem Stockwerk eingeschlagen ist. Da habe ich Angst gehabt, da fühlte ich mich an meinen Grenzen, weil auch meine Vorkehrungen plötzlich nichts mehr taugten. Befriedigt hat mich, dass ich die entscheidenden Fragen des Krieges richtig prognostiziert habe. Vorher gab es ja ein Horrorszenario – E-Bombe, chemische Waffen, Geiselnahme –, das sich aber nicht eingestellt hat. Insofern war es richtig, hier zu bleiben.

Sie werden weiter bleiben?

Ich mache es davon abhängig, ob ich noch etwas Vernünftiges zu Stande bringe. Ich will noch über die Welle der Plünderungen berichten, da werden ja Krankenhäuser gestürmt, darüber muss man einfach berichten. Dann wird die Phase der politischen Auseinandersetzung kommen, das Aufspüren der Intellektuellen, die beteiligt werden müssen. Wenn ich weiß, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln werden, dann gehe ich.

Hinter den Krieg als Medienkrieg wird die Berichterstattung nicht wieder zurückfallen.

Die nächsten großen Kriege werden medial noch stärker begleitet werden. Das Prinzip des „embedded correspondent“ wird sich weiter durchsetzen, so fragwürdig dieser Journalismus auch sein kann: CNN hat die ersten Berichte der Plünderung von Ministerien unter den Augen der US-Truppe kaum herausgebracht, da wurde dies auch schon über die Kurzwellenradios verbreitet. Das war wie ein Startschuss. Ich hoffe nur, dass die Journalisten, die auf der so genannten „anderen Seite“ stehen, beim nächsten Mal nicht wieder durch Einschüchterung zum Verlassen des Schauplatzes bewegt werden sollen, wie es die US-Regierung versucht hat. Es war sehr, sehr positiv, dass viel mehr Journalisten hier waren als im ersten Golfkrieg.

Wo ist der irakische Informationsminister Sajiid al Sahaaf?

Ich habe von Leuten gehört, die eigentlich ein sehr gutes Gespür für das Regime haben, dass er von Irakern umgebracht worden ist. Wenn er nicht tot ist, dann ist er wie die anderen Mitarbeitern des Ministeriums geflohen – nachdem sie die Journalisten ausgenommen hatten. Sie können sich nicht vorstellen, wie hier abkassiert wurde.

Auch bei Ihnen?

Nein, ich konnte das durch geschicktes Taktieren und durch ein Notopfer verhindern. Sonst wäre ich pleite gewesen.

Das Gespräch führte Joachim Huber.

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