Medien : Krieg mit Noten

J.S. Bach trifft Friedrich II. – großer Seelen-Krimi

Kerstin Decker

„Mein Name ist Bach.“ Nein, nicht irgendein Bach, schon gar nicht Dirk. Es geht um den Bach, dem dieser Name für immer gehört. Der überzeitliche, der allzeitliche Bach, der sich schon damals nirgends vorstellen musste. Blöder Titel, denkt man zuerst. Aber nein, eine Instanz gibt es zu allen Zeiten, die bezieht ihr ganzes Selbstbewusstsein daraus, niemanden kennen zu müssen. Vor der ist jeder wie Staub. Das ist der Zoll. Und erst der preußische. Wer könnte Staatsmachtvertreter aller Art besser spielen als Detlev Buck?

1747 wird eine Kutsche aus Leipzig an der preußischen Grenze gestoppt. Sie enthält den alten, akut erblindenden Großmusiker, hinten drauf sind ein Dutzend Kaninchenställe gebunden mit lebendigem Inhalt. Name?, bellt Buck, Zweck der Reise? Der alte Johann Sebastian (ein poröser Fels: Vadim Glowna) will zur Taufe seines Enkels. Name des Enkels?, bellt Buck. Johann Sebastian gibt zu bedenken, dass das Kind noch keinen Namen habe, da es erstens noch gar nicht geboren und infolgedessen zweitens noch nicht getauft ist. Doch der preußische Zoll fällt auf solche Ausflüchte nicht herein. So fängt das an. Und als Nächstes sehen wir den König aller Preußen, den größten König aller Preußen, auf dem Bauch liegen – Schröpfkugeln auf dem Rücken. Der König ist noch ziemlich jung. Aber augenblicklich begreifen wir, dass auch ein ziemlich junger König, auf dem Bauch liegend und mit Schröpfkugeln, ein großer Diktator und Schrecken seiner Umwelt sein kann. Es ist Jürgen Vogel. Jürgen Vogel als Friedrich. Der wunderbar prollige Jürgen Vogel, der Anti-Intellektuelle schlechthin, der kleine Kellner aus „Kleine Haie“, der Vergewaltiger in „Der freie Wille“ bei der diesjährigen Berlinale – aber als Friedrich, wirklich? Mit dieser leicht gedehnten Jürgen-Vogel-Sprache? Mit gewisser Furcht hört man ihn die ersten Sätze sprechen, hätte Friedrich tatsächlich von „eeernsthaften Angelegenheiten“ gesprochen? Dann ist schnell klar – einen besseren Friedrich hätte die schweizerische Regisseurin Dominique de Rivaz für ihren wunderbar intensiven Debütfilm (!) nicht finden können. Denn das hier ist ein Seelen-Krimi, das ist ein Kriegsfilm. Nach „Mein Name ist Bach“ wissen wir, dass man nicht nur mit Kanonen Krieg führen kann, sondern auch mit Pianoforte und Querflöte. Und vor allem mit Noten. Die Begegnung des jungen Friedrich mit dem alten Bach hat etwas von einem Psychothriller.

Filme mit historischen Themen, die weiter zurückliegen, heißen gewöhnlich Kostümfilme. Aber die Katastrophe jedes Kostümfilms ist der Kostümfilm. Nichts davon bei de Rivaz. Obwohl man erwähnen sollte, dass alle bemerkenswerte Kostüme tragen. Die Begegnung Bach-Friedrich hat es wirklich gegeben. Sie währte eine Woche. Das wunderbare „Musikalische Opfer“ ist das Resultat dieses Zusammentreffens, Bach schickt es nach Potsdam, Friedrich hat den Erhalt nie bestätigt. Vielleicht auch, weil der preußische König weniger durch die Kriegführung mit Flöte, sondern durch die etwas konventionellere aufgefallen ist und wenig Zeit hatte. Als er den alten Bach trifft, sind die harten und die weichen Impulse in ihm höchst ungeordnet. Die Enthauptung seines Freundes Katte, der er beiwohnen musste – es zerreißt ihn noch immer. Er ist halb bewusst, halb unbewusst auf der Suche nach einem neuen Vater, nach einem, den er bewundern kann. Der alte Bach interessiert ihn. Und doch ist ihm danach, alle Väter dieser Welt zu morden. Großartig, wie Vadim Glownas Bach sich Friedrichs Attacken verweigert und sich herausgefordert fühlt zugleich. Als der alte Bach zurückfährt nach Leipzig, begegnet er einer anderen Kutsche in Gegenrichtung, darin eine akut derangierte Vogelscheuche. Name?, brüllt Buck. Es ist Voltaire. Noch ein möglicher Übervater.

„Mein Name ist Bach“, 20 Uhr 40, Arte

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