Medien : Kriegserklärung mit Hund

Wie das Fernsehen den Angriff auf den Irak gezeigt hat

Harald Martenstein

Am ersten Morgen des Kriegs zeigt das Fernsehen auf allen Kanälen stundenlang immer wieder die gleichen Bilder. Die Endlosschleife. Da wäre sie also wieder. Wie am 11. September.

Die Cruise Missiles, die von einem amerikanischen Kriegsschiff abgefeuert werden. Die Skyline von Bagdad, im Hintergrund eine Bombendetonation. George W. Bush, der Sätze aus einer anderen Zeit sagt. „Die Zeit ist gekommen! Ein Feind, der keine Ehre hat!“ Saddam in seinem Bunker, auf dem Kopf eine Mütze, die zwei Nummern zu klein ist.

Inzwischen haben wir gelernt, was die Endlosschleife bedeutet. Sie ist das Signal für historische Ereignisse. Entweder sind die Bilder so stark, dass man glaubt, sie immer wieder zeigen und sehen zu müssen, wie am 11. September. Oder man hat Bilder, die nicht viel sagen, aber man muss senden, man muss einfach. Man zeigt , was man hat, egal, was es ist. In der Endlosschleife werden die Bildränder wichtig, die Hintergründe, die Details, die man sonst vielleicht übersehen würde. Bush trägt eine US-Flagge am Revers. Kein europäischer Staatschef würde die Flagge seines Landes als Sticker tragen. Er würde ausgelacht werden. Hinter Bush stehen zwei Familienfotos. Nicht er sieht die Fotos, nein, die Zuschauer sollen sehen, was für ein Familienmensch er ist. Er und die Fotos sind zum Triptychon arrangiert. Ein Altarbild. Damit die Fotos aufs Bild passen, muss der Präsident allerdings ein bisschen zusammengequetscht sitzen. Man hat viel Zeit, auf einem der Fotos seinen Hund zu betrachten, einen großen grauen Jagdhund. Es ist die erste Kriegserklärung mit Hund.

Woher kennt man den Hund? Richtig. Er heißt Barney. Oder Spot. Barney und Spot, die beiden Bushhunde, waren die einzigen Zeugen, als George Bush fast an einem Stück Brezel erstickt wäre und ohnmächtig von einem Sofa fiel, auf welchem er lag, um sich ein Football-Spiel anzuschauen. Barney und Spot haben nicht gebellt. Der Präsident erlitt Schürfwunden.

Bei Sat 1 tritt als Experte ein US-Journalist auf, der in der Textleiste als „Kyle James, Texaner“ vorgestellt wird. Der Texaner sagt, was viele sagen: Dass der Krieg letztlich von den Leichensäcken entschieden wird. Je mehr Leichensäcke im amerikanischen Fernsehen zu sehen sind, desto eher wird sich die öffentliche Meinung in den USA gegen den Präsidenten wenden. Das Fernsehen ist also das zweite Schlachtfeld. Das Ziel der Schlacht besteht in der Herstellung oder Verhinderung von Leichensackbildern.

Die USA haben eine neue Medienstrategie verkündet. Die Bilder sollen anders aussehen als beim ersten Irakkrieg, der im Fernsehen wie ein Computerspiel ohne menschliche Beteiligung wirkte und bei dem das Pentagon die Reporter an der kurzen Leine führte. Die Strategie liegt ungefähr in der Mitte zwischen dem Vietnamkrieg (totale Pressefreiheit, viele Leichensackbilder) und dem ersten Irakkrieg (stark eingeschränkte Pressefreiheit, wenige Leichensackbilder, aber auch geringe Glaubwürdigkeit).

Bilder in Spielfilmqualität

Einige der 700 Kriegsreporter dürfen mit den Truppen vorrücken, die Berichterstattung wird kontrolliert. Bilder von Toten dürfen, wenn überhaupt, erst mit 72-stündiger Verzögerung gezeigt werden. Begründung: Es soll genug Zeit bleiben, um die Familien der Gefallenen zu benachrichtigen, bevor sie zu sehen sind. Einen Vorgeschmack auf die Inszenierung des Krieges bekam man am Abend vor dem ersten Angriff: gezeigt wurde der letzte Appell vorm Abmarsch, das Expeditionskorps im Wüstenstaub, khakifarbene Uniformen, die an Kolonialtruppen des 19. Jahrhunderts erinnerten, ein gen Himmel erhobenes Kanonenrohr mit der Aufschrift „Der Allmächtige“. Die Bilder waren schön, sie hatten nahezu Spielfilmqualität, in ihrer Mischung aus Pathos und Angriffslust passten sie perfekt zur Bush-Rede. Das ist offenbar die Richtung, in die es gehen soll.

Wird es gelingen, den Krieg so zu inszenieren, dass die Leute ihn akzeptieren? Die Endlosschleife hat ihre eigenen Gesetze. Ihre Wirkung ist schwer zu kontrollieren. Scheinbar unwichtige Details bekommen beim fünften Sehen ein ungeplantes Gewicht, wie Barney und Spot, die Bushhunde.

Bei N24 sah man das Comeback des Hu-Hu-Machers. Die Medienkritikerin Klaudia Brunst hat vor Jahren einen heute berühmten Text über das Verschwinden des Hu-Hu-Machers geschrieben: das war der Mann (oder die Frau, oder das Kind), der früher immer hinter den Reportern stand und in die Kamera winkte. Die Hu-Hu-Macher sind fast verschwunden, weil das Fernsehen Alltag geworden ist und wir alle abgebrüht sind. In Bagdad aber sah man hinter der N24-Reporterin einen älteren Iraker mit Schnauz, der begeistert in die Kamera winkte. Nächste Woche ist er vielleicht tot, aber er fand es trotzdem toll, vorher noch mal im Fernsehen zu sein.

In diesem Medienkrieg gibt es drei Parteien: Soldaten, Endlosschleifen-Gucker und Hu–Hu-Macher. Die einen kämpfen. Die andern schauen zu. Die dritten haben Pech.

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