Krimi : Allein gegen den Hai

"Über den Tod hinaus": Das ZDF-Drama behandelt einen packenden Stoff aus der Immobilienbranche.

Simone Schellhammer
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Tough. Elke (Silke Bobenbender) rsikiert viel, als sie sich undercover in die Immobilienfirma einschleicht. -Foto: ZDF

„Es tut mir so leid.“ Der Abschiedsbrief, den Christa ihrer Schwester Elke (Silke Bodenbender) hinterlässt, bevor sie Selbstmord begeht, ist kurz. Enorm sind hingegen die Schulden, die die Familie nun entdeckt: 150 000 Euro für eine Schrott-Immobilie in Chemnitz, die das Maklerbüro Karl Pagenburg (als skrupelloser Bösewicht mit viel Gel im Haar: Thomas Sarbacher) der Krankenschwester angedreht hatte. Weil die Mutter eine Bürgschaft für den Kredit unterschrieben hat, die „über den Tod hinaus“ besteht, ist jetzt das Haus von Elke und ihrem Mann Harald (Charly Hübner) von der Zwangsversteigerung bedroht. Der Anwalt (Jan-Gregor Kremp), den die beiden aufsuchen, kennt solche Fälle, aber er braucht Beweise. Durch Zufall gerät Elke bei einem Besuch in Pagenburgs Büro in ein Verkäufertraining und beginnt Material über den gemeinsamen Betrug mit einer Bausparkasse zu sammeln, indem sie Teil des Systems wird.

Diese Drehbuchidee ist ein gekonnter dramaturgischer Kniff. Sie macht das Opfer zum Mittäter und sorgt für Spannung. Außerdem wird auf diese Weise die Hinterhältigkeit der Verkaufsgespräche besonders plastisch. „Einerseits sind da Menschen, die sich von Verkaufsprofis zu einer folgenschweren Entscheidung überreden lassen, weil sie sich Sicherheit für ihre Zukunft wünschen“, sagt die Schauspielerin Silke Bodenbender über die Verkaufsmethoden. „Andererseits sind da teils anerkannte Institutionen und Unternehmen, die gezielt das Sicherheitsbedürfnis von Menschen ausnutzen oder derartige Praktiken zumindest dulden.“

Drehbuchautor Benedikt Röskau ist der Fachmann für brisante Themen. Bereits in „Contergan“ und auch in „Faktor 8“ konfrontierte er seine Helden mit schicksalhaften Kämpfen, die in ihrer Aktualität gesellschaftliche Bedeutung haben. Auch beim Thema Schrott-Immobilien hat Röskau, der das Buch zusammen mit seiner Frau Sylvia Leuker schrieb, gründlich recherchiert und sich den Fall einer Bausparkasse vorgenommen, bei dem es rund hunderttausend Geschädigte und sechs Selbstmorde gab. Verbraucherschützer gingen 2008 von rund 300 000 Fällen aus, in denen heruntergekommene Wohnungen zu überhöhten Preisen als Altersvorsorge oder sichere Geldanlage verkauft wurden.

Der Film versucht, eine Antwort auf die Frage „Wie kann man so blöd sein?“ und den Schlagzeilen zum Thema Betrugsimmobilien ein Gesicht zu geben. Elke und ihr Mann sind dabei als Helden des Alltags angelegt: Er ist Busfahrer, renoviert gerade das Haus selbst und trägt zuhause ein von seinen Kindern bemaltes „Papi“-T-Shirt. Sie kümmert sich um das Essen, die Oma und den Kindergeburtstag und hat eine merkwürdig gestylte Lockenwicklerfrisur. Durch die himmelschreiende Ungerechtigkeit wird man als Zuschauer für den Rachefeldzug emotional tüchtig befeuert, aber bei den beiden will sich weder rechte Panik noch echter Kampfgeist einstellen. Auch wenn Harald gegen Ende einmal, als sie schon ein Geldangebot von Papenburg annehmen will, relativ müde ruft: „Wir machen ihn fertig!“

Regisseur Andreas Senn („Willkommen zuhause“) wollte, wie er sagt, auch die Unsicherheit der Figuren zeigen. Dadurch nimmt er aber dem Showdown des Thrillers einiges an Drive. Das Happy End ist trotzdem wohltuend und wie einst Julia Roberts in „Erin Brockovich“ bekommt Elke am Schluss einen Job bei ihrem Anwalt. Simone Schellhammer

„Über den Tod hinaus“, 20 Uhr 15, ZDF

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