KRIMI : Besuch der jungen Dame

„Ein Dorf sieht Mord“: Ein ZDF-Krimi plus das Erinnern an die Anti-AKW-Bewegung im Wendland

Thomas Gehringer

Die Fotografin Lotte Feininger (Lavinia Wilson) geht die Dinge frontal an. Das muss einer der Bewohner schon bei ihrer Ankunft im Dorf beinahe mit seiner Gesundheit bezahlen, weil ihn die hübsche junge Frau mit ihrem hübschen roten Sportwagen von der Straße schubst. Zwei andere Männer kommen nicht so glimpflich davon: Kurz nachdem sie von der Fotografin besucht wurden, werden sie tot aufgefunden. Die geheimnisvolle Brünette, die besonders Schriftsteller Martin Selig (August Zirner) den Kopf verdreht, scheint eine Art Todesliste abzuarbeiten. Auf einem Foto aus den glanzvollen Protestzeiten der Anti-AKW-Bewegung streicht sie nach und nach die Köpfe der Opfer durch. Im Wendland schlägt Feininger offenbar ein düsteres Kapitel aus der Vergangenheit neu auf.

Der ZDF-Film „Ein Dorf sieht Mord“ greift auf Motive des Romans „In unnütz toller Wut“ von Maarten t''Hart zurück, der in einem niederländischen Dorf spielt. Dort ist es eine indonesische Schönheit, die 200 Bewohner für einen Bildband porträtiert, was sich ebenfalls als ausgesprochen ungesund für einige der Abgebildeten erweist. Das ZDF hat die Filmrechte erworben und aus dem literarischen Stoff ein durchaus spannendes Dorf-Drama gezimmert. Die verborgene Last, die noch Millionen von Jahren strahlenden Brennstäbe im Untergrund des märchenhaft-idyllischen Wendlands korrespondieren hier mit den Abgründen in der Dorfgemeinschaft. Autor Thomas Oliver Walendy und Regisseur Walter Weber haben t''Harts Grund-Idee sehr locker auf deutsche Verhältnisse gemünzt, wobei der Rückgriff auf die Freie Republik Wendland nicht wirklich überzeugt. Irgendjemand soll die Atomkraftgegner verraten haben, aber wodurch eigentlich?

Schade auch um den skurrilen Humor, mit dem t''Haart das makabre Spiel um Leben und Tod anreicherte, der aber hier weitgehend abhanden gekommen ist. Am nächsten kommt dem noch die Figur des potenten Bürgermeisters, dessen fünftes Kind gerade getauft wurde und der zugleich eine ausschweifende Affäre mit der Gattin eines der Opfer pflegt. Diesen boshaft-durchtriebenen Franz Wellbrock, einzig Zufriedener in dem Haufen aus gealterten, einst im Protest vereinten Idealisten, gibt sehr überzeugend Thomas Thieme. In einer Nebenrolle muss die wunderbare Corinna Harfouch als evangelische Pastorin um ihre Liebe kämpfen.

Vergeblich, denn da ist ja Lotte Feininger, das rätselhafte Wesen. Ihre Attraktivität setzt sie bei den Männern gezielt ein. Dass da neben eiskalter Berechnung noch andere Eigenschaften schlummern, lässt Lavinia Wilson gekonnt spüren, doch so richtig ans Herz wächst ihr Schicksal nicht, auch nicht das der anderen Figuren, weshalb das Ganze als eine etwas seelenlose Versuchsanordnung mit gewollt historischem Hintergrund erscheint. Immerhin: Schön ist das Wendland ja und morbide.Thomas Gehringer

„Ein Dorf sieht Mord“, 20 Uhr 15, ZDF

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