Krimi : Das Filigranhirn

Der „Tatort“ mit Maria Furtwängler und die Frage: Was geschieht, wenn Polizisten die Nerven verlieren?

Kerstin Decker
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Wer kann dazu schon Nein sagen? Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler).Foto: NDR

Kommissarin Charlotte Lindholm hat Urlaub. Mit Kind sitzt sie in ihrem pastellfarbenen Ferienhausgarten und sieht die Welt schon ganz in Pastell, mordentrückt, totschlagsfern, wenn da dieser mitreisende Krimiautor mit akuter Schreibblockade nicht wäre. Charlotte Lindholm findet es normal, dass die menschliche Natur zwischen sich und zu vielen fiktiven Leichen eine Schreibblockade setzt. Ohne Zweifel wirft sie diesem Menschen, der das Leben vor allem von seinem Laptop her kennt, eine gewisse Naivität des Weltverhältnisses vor. So fängt das an. Oder nein, angefangen hat es mit ein paar zielgenauen Schüssen durch eine Wohnzimmerscheibe, aus denen der Zuschauer vor allem eines lernt: Wenn der Mörder draußen ist, und du bist drin, nützt das manchmal gar nichts. Und das ist schon die dritte Leiche.

Niedersachsen jagt den Serienkiller?

Das, befindet man an oberer kriminalpolizeilicher Stelle, schaffen die örtlichen Kollegen nicht allein: alles Männer. Und die Toten sind ein Rätsel. Außer dem Leben ist ihnen nichts weggenommen worden, sexuelle Motive ausgeschlossen. Es gibt keine Verbindungen zwischen ihnen. Da muss ein weibliches Filigranhirn her, beschließt das LKA, und das ist auch schon das Ende von Lindholms Herbsturlaub in Pastell mit blockiertem Krimiautor und Kind.

Es ist Maria Furtwänglers 15. „Tatort“-Fall, im vergangenen Jahr wählten die „Hörzu“-Leser sie zur „Besten Fernsehkommissarin“. Und in der Tat bricht sie auch hier in bemerkenswerter Weise ein in das fremde Braunschweiger Revier – nein, sie bricht eben nicht ein – sie schreitet ein, mit zurückhaltender Bestimmtheit, sensibler Omnipräsenz. Eine erste Verbindung zwischen den drei Toten findet sie auch bald. Deren Angehörigen bekamen eine Karte: „Es wird Stille sein. Es wird Trauer sein und Schmerz.“

Die Autorin Astrid Paprotta hat bisher drei Folgen für die von Krimifreunden leicht beargwöhnte „Soko-Wismar“-Reihe geschrieben, dies ist ihr erster „Tatort“. Der Kriminalschriftstellerin Paprotta wurde bereits bescheinigt, verantwortlich zu sein für „die intelligentesten Kriminalromane, die derzeit in Deutschland“ zu lesen sind („Welt am Sonntag“). Und wirklich, da entfaltet sich vor unseren Augen ein subtiles Netz von Verweisen, die noch lange keine Beweise sind, aber immerhin, aufgedeckt werden von der Kommissarin und ihrem Braunschweiger Kollegen Bergmann (Sven Lehmann). Da ist noch lange nichts so kreisrund-klar wie die Fensterdurchschüsse vom Anfang. Nur eines scheint gewiss: Alle Ermordeten standen am Neujahrstag in ein und demselben Stau nach einem schweren Verkehrsunfall. Schaulustige behinderten die Bergungs- und Rettungsarbeiten. Jemand hat ein Video vom Unfallort ins Netz gestellt. Der Schaulustige, der Voyeur von heute, ist nicht mehr der, den wir seit Jahrhunderten kennen, der keine Hinrichtung auf dem Marktplatz versäumt hat. Heute hätte er sein Handy dabei. Heute tritt er möglicherweise nicht zur Seite, um Helfer durchzulassen. Zuerst macht er sein Foto. Privatpersonen verletzen die Grenzen des Privaten, auch darum geht es in diesem „Tatort“ von Friedemann Fromm, der trotz Serienmord zu den stilleren gehört. Grundsolide Krimi-Meterware und etwas mehr. Die im Video lesbaren Autokennzeichen sind die Kennzeichen der Toten, das wissen Lindholm und Kollegen irgendwann.

Es ist ein Vorurteil zu meinen, in einem Kriminalfilm ginge es vor allem um Opfer und Täter. Dieser „Tatort“ zeigt: Im Krimi geht es vor allem um die Polizei. Vielleicht hätten wir es auch so gewusst: Der Polizist ist keine Ermittlungsmaschine, und ohne eine gewisse Robustheit an Körper und Geist ist man falsch in diesem Beruf. Der Braunschweiger Kommissar Kohl (Felix Vörtler) begreift sich als die Inkarnation solcher geeigneter physisch-intellektueller Grundausstattung, was ihn seinen Kollegen Kai Bergman mit gewissem Misstrauen beobachten lässt, von der unmöglichen Lindholm gar nicht zu reden. Gut, dass Kohl nicht dabei ist, als Bergmann im Dunkeln die Waffe auf einen Verdächtigen richtet. Und dann ist der bedrohliche Schatten nur ein Junge, und Bergmann verliert beinahe die Nerven darüber, dass er beinahe die Nerven verloren hätte.

Und er ist hier nicht der Einzige. „… es wird Trauer sein und Schmerz“ beantwortet die Frage: Was geschieht, wenn Polizisten die Nerven verlieren? Aber auch auf die kleinen Nervenzusammenbrüche, die Paniken im Angesicht des anderen – bei Berührung des anderen – verstehen sich die Beteiligten um Kommissarin Lindholm. Das Reich des Intimen ist gefährdet, behauptet dieser „Tatort“. Der Krimi zeigt, wie dieses sich bildet, in einem seltsamen Verwiesensein aufeinander – so wenig greifbar wie lange Zeit dieser Fall, den Lindholm am Ende löst.

„Tatort – … es wird Trauer sein und Schmerz”, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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