Krimi : Das Grauen hinter der Kunst

Ein fesselnder "Polizeiruf 110" aus Halle. Thorsten Näter, als Autor und Regisseur seit zehn Jahren in praktisch allen Krimireihen präsent, verzichtet vollständig auf vordergründige Spannungseffekte und konzentriert sich ganz auf die Geschichte und ihre Figuren.

Tilmann P. Gangloff

Sonntagskrimis beginnen gern mit Morden an Zeitgenossen, die sich eine beeindruckende Menge an Feinden gemacht haben. Das erhöht die Zahl der Verdächtigen und verschafft den Autoren viele Vorwände, um interessante Nebenfiguren einzuführen. Thorsten Näter, ein Routinier seines Fachs, nutzt dies für seinen „Polizeiruf 110“ aus Halle weidlich aus. Schlicht „Tod im Atelier“ lautet der Filmtitel, dem bereits nach dreißig Sekunden Genüge geleistet wird. Einige wütende Hiebe mit einem Spachtel, und schon ist er gemeuchelt, der Künstler Brehme, der mehrfach als einer der bedeutendsten Maler des jungen Jahrhunderts gerühmt wird; allerdings vor allem von Zeitgenossen, die seinen Tod allenfalls als Verlust für die Kunst betrachten.

Menschlich war der Mann spätestens nach einem schweren Unfall seiner Tochter offenbar ein Schwein. Alle, die noch eine Rechnung mit ihm offen hatten, sind in der Mordnacht beim Atelier gesichtet worden. Nicht gerade erleichtert wird die Arbeit der Hauptkommissare Schmücke (Jaecki Schwarz) und Schneider (Wolfgang Winkler) durch den Umstand, dass ihr Chef (Dieter Montag), ein Freund der Familie Brehme, die Ermittlungen sabotiert. Vorgeblich will er die überzeugend trauernde Witwe (Ann-Kathrin Kramer) vor Belästigungen bewahren. Tatsächlich aber findet Schmücke raus, dass der Vorgesetzte stärker in den Fall involviert ist, als er zugibt.

Näter, als Autor und Regisseur seit zehn Jahren in praktisch allen Krimireihen präsent, verzichtet vollständig auf vordergründige Spannungseffekte und konzentriert sich ganz auf die Geschichte und ihre Figuren. Um so größer ist das Grauen, das einen angesichts der Auflösung beschleicht. Dabei sind Näter die üblichen Seitenstränge gut gelungen. Zwar ist rasch klar, dass der ebenso prollige wie neureiche Unternehmer (Uwe Rohde), den der Künstler wenig schmeichelhaft porträtiert hat, nur eine Nebenfigur ist, doch die Mitglieder der Kunstszene, auf die sich Winklers Recherchen konzentrieren, sind durchaus überzeugende Verdächtige. Studentin Anja (Katharina Schüttler) ist wütend auf den toten Maler, weil er angeblich ihren Stil kopiert hat. Tatsächlich hat ihr Zorn ganz andere Gründe. Brehme hat zwar ihr Sexangebot akzeptiert, sich aber nicht mit dem erhofften Stipendium revanchiert. Walter Grima (Rudolf Kowalski) wiederum, ein Kollege an der Akademie, musste sich dauernd öffentlich von dem Genie verhöhnen lassen. Für Winkler ist der Fall ohnehin gelöst, als sich herausstellt, dass Grima auch in Anjas Tod verwickelt ist.

Schmückes Intuition sagt ihm allerdings, dass die Dinge viel komplizierter sind. Tilmann P. Gangloff

„Polizeiruf 110“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar