Krimi : Dealer, Bürger, Bulle

"Unter Feinden": Polizeifilmer Lars Becker schickt einen Hamburger Ermittler ins Verderben. Dabei sind zwei außerordentliche Schauspieler zu entdecken.

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Die Kommissare Driller (Nicholas Ofczarek, 2.v.l.) und Kessel (Fritz Karl, 2.v.r).
Die Kommissare Driller (Nicholas Ofczarek, 2.v.l.) und Kessel (Fritz Karl, 2.v.r).Foto: Arte

„Was soll ich denn sonst machen? Wir schieben schon seit 20 Jahren Schicht für Schicht, soll ich dich jetzt hochgehen lassen?“, fragt Polizist Driller seinen heroinsüchtigen Kollegen Kessel, der gerade einen Junkie überfahren hat. Bei einer Drogenrazzia. Kessel braucht Stoff, wird ruppig, verliert die Nerven. Driller behält die Nerven, bringt den schwer verletzten Junkie anonym in ein Krankenhaus und den alten Freund nach Hause. Am nächsten Morgen treten beide ihren Dienst an, als ob nichts gewesen wäre. Gewalt und Fürsorge, Gut und Böse, Schuld und Sühne – mit der Identifikation und den Helden hat es sich Autor und Regisseur Lars Becker in seinen Polizeifilmen ja noch nie einfach gemacht. So trist und düster wie in „Unter Feinden“ war der Hamburger Kiez allerdings selten bei ihm.

Lars Becker lebte 30 Jahre auf St. Pauli

Große Freiheit? Den Leuten dort steht das Wasser höher als bis zum Hals. Kessel ist nach langem Entzug zurück im Polizeidienst. Sein fahles Gesicht verrät, dass das keinen Sinn macht. Fritz Karl, mal gegen das Image des smarten Typen besetzt, gibt die tickende Zeitbombe, einen abgewrackten Junkie, einen Mann, der das Unheil anzieht, von einem Problem ins nächste tappt. Eine Schlinge zieht sich um den Hals des labilen Bullen. Der vertuschte Tod des kleinen Dealers vor Drillers Auto spielt einem libyschen Kriegsverbrecher (Merab Ninidze) in die Karten, der von den beiden Kommissaren gesucht und gefangen wird. Und da gibt es noch eine Zeugin, ein Folteropfer Gaddafis, das beschützt werden soll. Ausgerechnet von Kessel.

Eine Abwärtsspirale, mit der gnadenlosen Logik einer antiken Tragödie. Kann es in diesem Geflecht aus schicksalhaften Begegnungen nach dem Roman von Georg Martin Oswald überhaupt ein Happy End geben? Lars Becker, der 30 Jahre lang auf St. Pauli lebte , hat nach einigen verunglückten Projekten („Nachtschicht“, „Geisterfahrer“) alte Tugenden wiederentdeckt und einen Polizeifilm gemacht, der das klassische Kinogenre ins Fernsehen transportiert, ohne dabei wie ein typischer Fernsehkrimi auszusehen. Filme über korrupte Polizisten hat ja auch Dominik Graf im Repertoire. Nur: Die Polizisten hier sind nicht korrupt. Der eine ist schwer krank, der andere ein guter Freund. In wenigen Sekunden müssen Fragen entschieden werden wie: Soll ich meine Pflicht tun oder meinem kranken Freund helfen? Nicholas Ofczarek, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, ist die Entdeckung des Films. Jedes Mundzucken, jeder Blick verrät den bürgerlichen Polizist mit Frau (Birgit Minichmayr) und Kind, der einfach nur leben und seinen Job nicht verlieren will.

Apropos Frau. Lars Becker hat es geschafft, in seinem Krimidrama mit der forschen Staatsanwältin Soraya Naziri (Melika Foroutan) noch eine kleine interessante Politdebatte am Rande mitzunehmen. Die Frau trägt Kopftuch.

„Unter Feinden“, Freitag,

Arte, 20 Uhr 15

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