Krimi : Ein Herz und eine Seele

Deutschlands originellstes Ermittlerpaar arbeitet sich im neuen „Polizeiruf 110“ aus Berlin-Brandenburg am Thema Landflucht ab.

Markus Ehrenberg
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Kommissarin Herz (Imogen Kogge, r.) und die Königs (Julia Jäger, André Hennicke).Foto: rbb

Dem Charme des „Polizeiruf 110“ aus Berlin-Brandenburg ist nur schwer zu entfliehen. So durchwachsen das eine oder andere Drehbuch auch mal sein mag, die Geschichten sind tief in der Lebenswirklichkeit von Brandenburg verwurzelt: oftmals verlorene Illusionen, leere Fabriken, abwanderungslustige Jugendliche und ältere Hiergebliebene, gespenstisch stille Regionen, Leben alleine noch beim Schützenfest oder an den Stammtischen in der Dorfkneipe. Großstädter, die nie nach Brandenburg kommen, können sich beim „Polizeiruf 110“ auf eine gewisse Authentizität verlassen, mehr als beim „Tatort“, der gerne mal über Region und Ziel hinausschießt.

Das gilt auch für „Alles Lüge“. Der Unternehmer Marstein wird erschossen in seiner Villa aufgefunden, zunächst deutet alles auf den Raubmord einer polnischen Bande hin. Kommissarin Herz, Polizeihauptmeister Krause und den Zuschauern wird aber ziemlich schnell klar, dass die Dinge so einfach nicht sind. Marstein war im Dorf wenig beliebt, von seinem Ableben wird dermaßen viel profitiert, dass der Krimi wenig Mühe hat, eine Handvoll Verdächtige zu präsentieren. Marsteins Sohn Florian (Tobias Schenke), der, von Wien angereist, auf ein Erbe aus ist, Bürgermeister König (André Hennicke), der mitsamt einem polnischen Investor auf Marsteins Baugrund – und Arbeitsplätze – hofft, ein Schützenwart, der dubiose Überwachungsmethoden eingeführt hat, Königs Sohn Max (Raul Semmler), der im Haus des Verstorbenen eine Werkstatt unterhielt, und die stille Bürgermeister-Frau Erika (grandios: Julia Jäger), die vom Kameramann Philipp Sichler auffällig oft und nachdenklich in Szene gesetzt wird. Wie schon angedeutet, Buch (Stefan Rogall), Auflösung und Regie (Ed Herzog) kommen relativ bieder daher, es gab schon bessere Ausgaben des Berlin-Brandenburger „Polizeiruf“, aber damit liegt diese Folge zum Thema Landflucht immer noch über dem Durchschnitt deutscher Fernsehkrimis.

Das ist, bei allem Lokalkolorit, auch der eigentlichen Attraktion dieses Formats zu verdanken: Schauspielerin Imogen Kogge als Hauptkommissarin Johanna Herz. Mit der Herz ist das ja nicht immer so stimmig: lächelt wenig, leicht spröde wirkend, modebewusst, manchmal streng, manchmal sympathisch, manchmal stiehlt ihr Publikumsliebling Horst Krause („Schultze gets the blues“) die Show. Der Polizeihauptmeister soll der Herz diesmal eine Fortbildung in Sachen modernes Konfliktlösungsmanagement verdanken. Revierpolizist Krause weit weg von Stolzow, von Motorrad, Hund Vera, von Frau Kommissarin und Assistentin Katrin (Anja Franke)? Eines der originellsten Ermittlerpaare im deutschen Fernsehen auseinandergerissen? Das geht nicht. Das hält Leib und Seele nicht zusammen. Genauso wenig wie die herbe Enttäuschung, die Johanna Herz mit ihrem Lebensgefährten Robert erleben muss. Eine verhängnisvolle Affäre, eine jüngere Geliebte, aber das passiert ja nicht nur in Brandenburg.

„Polizeiruf 110 - Alles Lüge“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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