Krimi : Im Norden viel Neues

Ein Kammerspiel, in dem Liebe, Hass und Misstrauen an den Figuren zerren: Der 20. Bremer "Tatort“ mit Sabine Postel überrascht als doppeltes Beziehungsdrama.

Adrian Pickshaus
281824_0_7074662d.jpg
Gestörtes Verhältnis. Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen).Foto: ARD

„Tote Männer“. Der Titel des Sonntags-„Tatorts“ ist so nichtssagend wie die Bremer Fußgängerzone. Schließlich scheiden in fast jeder Folge der ARD-Reihe Vertreter der Gattung Mann aus dem Leben. Und doch ist „Tote Männer“ etwas Besonderes, denn der neue Weser-Krimi ist Jubiläum und Premiere zugleich. Jubiläum, weil der komplexe Fall um einen toten Stricher der 20. „Tatort“ der bodenständigen Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) ist. Premiere, weil es zum ersten Mal zwischen der Chefermittlerin und ihrem sonst so loyalen Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) heftig kracht.

Der Grund: Stedefreund landet nach einer Party mit Lürsens Tochter Helen (Camilla Renschke) im Bett. Vorher beobachten die beiden einen Einbruch, den sie aber nicht melden. Am nächsten Tag wird einer der Täter erstochen aus der Weser gezogen. Stedefreund verheddert sich im Laufe der Ermittlungen im Strichermilieu in einem Netz aus Lügen. Er und seine Chefin entfremden sich, bis es zum großen Knall kommt. Die beiden sind nicht das einzige Paar mit Problemen: In den Fokus der Fahnder gerät schnell der Elektriker Hartwig (Felix Eitner), der seine ausgelebte Bisexualität vor der schwangeren Ehefrau (Fritzi Haberlandt) geheim halten will.

„Tote Männer“ ist ein anderer Bremer „Tatort“. Wenig Sozialkritik, kaum Bemühen, ein großes Gesellschaftsthema auf einen Kriminalfall herunterzubrechen. Regisseur Thomas Jauch inszeniert ein Kammerspiel, in dem Liebe, Hass und Misstrauen an den Figuren zerren. So viel Drama war selten im kühlen Norden. Das Buch von Jochen Greve lässt die Charaktere ausgefeilter erscheinen. So kann Oliver Mommsen dem Stedefreund neue Facetten hinzufügen, jenseits der Stammrolle als treuer Gefährte, Womanizer und Fußballfan. Auch Kommissarin Lürsen alias Sabine Postel darf den Halt verlieren, als sie mit dem zweifachen Vertrauensbruch durch Tochter und Kollege konfrontiert wird.

Das bessere gemischte Doppel spielt aber auf der Seite der Verdächtigen. Wie die scheinbar heile Welt der Hartwigs zerbröselt, wie das Abstoßen und wieder Heranziehen eine Ehe in den Abgrund reißt, dürfte in manchen Wohnzimmern für Nachdenklichkeit sorgen.

„Tote Männer“ sollte kein Strohfeuer bleiben. Das Mehr an Gefühl steht dem Bremer „Tatort“ gut. Das scheint auch Sabine Postel zu finden: In einem Interview wünschte die Schauspielerin „ihrer“ Kommissarin Lürsen „endlich mal wieder einen Mann im Leben“.

„Tatort: Tote Männer“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben