Krimi : Nur in eine Richtung

Der Sat-1-Krimi „Verfolgt – Der kleine Zeuge“ erinnert zu Recht an große Genre-Vorbilder. Er will nicht argumentieren, er will verführen und fesseln.

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Weiß sich durchaus zu wehren: der kleine Junge Tao (Kevin Fang).
Weiß sich durchaus zu wehren: der kleine Junge Tao (Kevin Fang).

Dieser Plot ist durch, oder? Kleiner Junge wird Zeuge eines Blutbads. Jetzt jagen ihn die Killer, der Junge flieht in die Arme von Menschen, die durch seine und ihre Rettung zu Helden werden. Harrison Ford hat 1985 damit eines der besten Suspense-Dramen der Kinogeschichte abgeliefert: „Der einzige Zeuge“. Selbst Sat 1 war mit der Ausgangssituation schon einmal erfolgreich. 2001 war Andrea Sawatzki in „Nur mein Sohn war Zeuge“ tapfer und mehr als das.

Heute also wieder Sat 1: „Verfolgt – Der kleine Zeuge“, fest im Genre verhaftet, die ersten Bilder ein Déjà-vu. In der Küche eines Wiener Chinalokals richten zwei Killer ein Blutbad an. Tao als einziger Überlebender ist der einzige Zeuge. Die Mörder bemerken das, Tao flieht, ausgerechnet in die Arme einer blinden Frau. Sie stößt ihn zurück, sie versteht ihn nicht, sie sieht ihn nicht. Aber die Killer wissen, wo sie wohnt.

Eine Blinde, ein chinesischer Junge, der kein Deutsch spricht, zwei brutale Mörder, die sich schnell als LKA-Beamte entpuppen – das reicht für den Anfang. Herausgefordert ist jetzt der Autor. Christoph Darnstädt variiert die längst bekannte Thriller-Formel. Er schaut nicht nach links, nicht nach rechts, er geht den geraden Weg. Er konzentriert die stringente Was-passiert-als-Nächstes-Handlung auf böse Überraschungen und auf wenige Personen – die Blinde, den Jungen, den Bullen; nur bei den Zentralfiguren sucht er die Ereignisse zu vertiefen.

Tao (Kevin Fang) ist nicht nur zufällig zu Ester (Marie Zielcke) gekommen. Auch seine Mutter ist (hallo?) blind. Ester hat erst vor kurzem einer seltenen Krankheit wegen ihr Augenlicht verloren. Das macht sie bitter, kratzbürstig, aggressiv, nur ungern nimmt sie irgendjemandes Hilfe an. Von ihrem Freund Gary (Andreas Kiendl) trennt sie sich. Der hoch angesehene LKA-Beamte Decker (Fritz Karl) ist so ausgelaugt wie ausdauernd, ein brüchiger Charakter, der anders als Kriesch (Christoph von Friedl), Koksnase, Kollege und Komplize, undurchsichtig bleibt. Decker hat sich mit der Russenmafia eingelassen, und das hat eine tiefere Ursache.

Die Protagonisten werden auf die schiefe Ebene gesetzt. Sie rutschen, fallen, stehen auf, wollen wieder hinauf, aber das geht nicht, es geht nur in eine Richtung – hin zum Showdown. Regisseur Andreas Senn spielt die Angstlust augenfüllend aus. Die klassischen Suspense-Situationen sind prall inszeniert, die überschaubare Dramaturgie von Flucht und Verfolgung gleitet auf telegener Oberfläche dahin. „Verfolgt – Der letzte Zeuge“ will nicht argumentieren, er will verführen und fesseln. Vom Großreinemachen am Schluss, dem noch ein paar rosa Schleifchen angehängt werden, von diesen paar Minuten abgesehen ist das eine sehr souveräne Genrearbeit.

Fritz Karl spielt den doppelgesichtigen LKA-Mann als markante, verschattete Gestalt. Decker ist erstaunlich in seiner Motivlage, warum er die Russenmafia erst hinter Gitter bringt und dann willfährig für sie mordet. Dieses Rätsel wird spät gelöst, der Mensch spät erlöst. Decker will seinen Frieden mit den Mitteln des Kriegs. Die zweite vertiefte Figur ist Ester. Marie Zielcke hat das Gesicht und die Präsenz, dass sich in ihrer Ester das brutale Geschehen bündelt und spiegelt. Der Kritiker kann nicht beurteilen, wie gut sie eine Blinde spielt, eindrucksvoll und erkennbar wird aber, wie eine junge Frau, die durch eine Laune des Schicksals erblindet ist, fühlt, denkt, handelt. Und fühlt und denkt und handelt, wenn ein Junge namens Tao (bravourös gespielt von Kevin Fang) bei ihr Schutz sucht.

„Verfolgt – Der kleine Zeuge“ ist cleveres bis kluges Spannungs-Fernsehen. Und für Sat 1 eine Großtat.

„Verfolgt – Der kleine Zeuge“, Sat 1, 20 Uhr 15

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