Medien : Krimi: Sozialstudie über Opfer und Täter

Iris Ockenfels

"Jack the Ripper" habe ihn beauftragt, behauptete Fritz Honka, nachdem die Polizei verstümmelte Leichenteile in seiner Wohnung entdeckt hatte. Ein grausiger Zufallsfund, der im Juli 1975 Schlagzeilen machte. Honka, ein Nachtwächter, der sich frühmorgens gerne auf dem Hamburger Kiez herumtrieb, hatte vier Prostituierte getötet. Jahrelang blieben seine Taten unbemerkt - niemand hatte die Frauen vermisst.

Mit "Der Frauenmörder von St. Pauli - Fritz Honka" startet heute die zweite Staffel der ARD-Reihe "Die großen Kriminalfälle" (jeweils donnerstags, 21 Uhr 45, im Ersten). Wieder geht es um Aufsehen erregende Morde aus Ost und West. Vor einem Jahr begann die erste Staffel mit "Lebenslänglich für Vera Brühne"; einer Dokumentation über die kürzlich im Alter von 91 Jahren Verstorbene, deren umstrittener Indizienprozess demnächst wieder aufgerollt werden soll. Der Film war für den Grimme-Preis nominiert. Auch beim Publikum stießen die spektakulären Mordfälle auf Interesse. Durchschnittlich 3,12 Millionen Zuschauer sahen die Reihe; das entspricht einem Marktanteil von 13 Prozent.

ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann hofft auf ähnliche Zahlen für die fünf neuen Folgen und setzt dabei auf das bewährte Konzept: "Wir haben die Kriminalfälle immer in ihre Zeit und das gesellschaftliche Umfeld eingebettet." Der NDR-Film über Honka beschäftigt sich deshalb auch mit der trostlosen Situation von Opfern - älteren Prostituierten ohne jede soziale Bindung. "Wir wollten die Anonymität zeigen, in der die Frauen lebten. Warum niemandem auffiel, dass sie verschwanden", sagt Autorin Danuta Harrich-Zandberg. Der schweigsame Täter bleibt dagegen unfassbar, rätselhaft. Ganz anders in der MDR-Dokumentation über Erwin Hagedorn, "Tod einer Bestie": Der junge Triebtäter gibt 1971 bereitwillig über seine sadistischen Verbrechen an zwei Jungen Auskunft. Antworten um jeden Preis soll die Reihe aber gar nicht geben; eher schon Fragen aufwerfen. Und befragt werden hauptsächlich am Fall beteiligte Zeitzeugen. Wie etwa die Kollegen von Norbert Poehlke. Der Polizist wurde Mitte der 80er Jahre in der schwäbischen Provinz zum "Hammermörder".

Poehlke, Hagedorn und Honka sind tot; ihre Verbrechen Kriminalgeschichte. Ein anderer Fall der Staffel hat dagegen bis heute Relevanz: So ist Hendrik Möbius durch seine Beteiligung am "Satansmord" an einem Schüler 1993 in Thüringen inzwischen zum Kultstar der rechten Szene avanciert - mit eigener Homepage. Üblich ist jedoch, dass Täter die Öffentlichkeit scheuen. Besonders schwierig gestaltete sich daher bislang die Verfilmung des Lebach-Falls, bei dem 1969 vier Bundeswehrsoldaten erschossen wurden. Ein ZDF-Dokumentarspiel über die Morde liegt seit 1973 auf Eis, weil einer der Täter die Ausstrahlung verhinderte. Die ARD zeigt den Fall nun anonymisiert zum Abschluss der Staffel.

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