Krimi : Tödliche Tierliebe

Mord in der Drückerkolonne: Der Münchner „Tatort“ hat eine reale Vorlage.

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Ärger im Büro. Einer Drückerkolonne schließt sich Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) während einer Mordermittlung an. Kollege Leitmayr (Udo Wachtveitl) ist von dem Alleingang wenig begeistert.Foto: BR
Ärger im Büro. Einer Drückerkolonne schließt sich Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) während einer Mordermittlung an....Foto: BR/Bernd Schuller

Die Münchner Hauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) bekommen – einmal mehr – einen jungen Polizeianwärter zur Seite gestellt. Fechner (Maximilian Schafroth) heißt er diesmal, und er ist ähnlich präpotent und enervierend, besserwisserisch und unangenehm wie schon etliche andere seiner Vorgänger und Vorgängerinnen. Seit dem Ausscheiden von Michael Fitz alias Carlo Menzinger im Oktober 2007 ist es beinahe zur Regel geworden, dass die beiden Münchner Kommissare sich mit dem polizeilichen Nachwuchs auseinandersetzen müssen – was so manchem Fall ziemlichen Abbruch tat.

Mit diesem bebrillten Nerd, dem Fechner also, geht es im neuen Münchner „Tatort“ mit dem Titel „Ein neues Leben“ raus aufs Land, in Waldesnähe: ein Wagen, vollkommen ausgebrannt, mit einer verkohlten männlichen Leiche darin. Dem jungen Fechner wird erst einmal ziemlich schlecht. Leitmayr versucht noch, ihn zu beruhigen. Batic hingegen hat von Anfang an etwas gegen den neunmalklugen Lockenkopf.

Die Spur führt über das Foto eines von der brutalen Abschlachtung bedrohten kanadischen Robbenbabys und eine Vermisstenanzeige zu einer Drückerkolonne, die von einem Frauenduo angeführt wird: von der sehr toughen, strengen und zur Brutalität neigenden Isabella (Nina Proll) und ihrer etwas zurückhaltenderen Partnerin Sandra (Mina Tander). Sie sind auch privat ein Paar.

Die Dominante und die Devote leiten den Verein „Tierrettung direkt“. In einer Villa draußen am Münchner Stadtrand werden die Mitglieder der Drückerkolonne geschult und gedrillt, nichts ist erlaubt, nicht einmal ein eigenes Handy. Zudem ist man auf Mitgliedersuche, damit noch mehr von ihnen an den Türen der ahnungslosen Menschen klingeln und über manipulierte EC-Karten-Lesegeräte Konten plündern können. Über einen Zufall gerät Ivo Batic in die Kolonne, unter falschem Namen und ohne Absegnung des leidigen Vorgesetzten Wader (Olaf Rauschenbach). Batic befindet sich fortan in latenter Gefahr und muss schließlich draußen im Wald sein eigenes Grab schaufeln: Isabella und Sandra sehen ihm dabei zu – die Pistole im Anschlag.

Regisseur Elmar Fischer („Bloch – Der Fremde“) hat für „Ein neues Leben“ das Drehbuch von Vater Fred Breinersdorfer und Tochter Léonie-Claire Breinersdorfer verfilmt. Es basiert auf einer realen Begebenheit: 1998 wurden im „Drückermord“-Prozess von Ellwangen zwei Frauen zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Drehbuch musste allerdings, wie zu erfahren war, komplett umgeschrieben werden – ein stets müßiger Vorgang und radikaler Eingriff, der diesem Fernsehfilm auch deutlich anzumerken ist. Fischers Inszenierung ist stilistisch nüchtern und handwerklich solide, die kühle Fotografie von Frank Sthamers Kamera ebenso. Doch bei der mäandernden Dramaturgie hakt es an allen Ecken und Enden, vieles wirkt bemüht, gar gekünstelt. Die Dialoge greifen nicht, sind nicht auf den Punkt gesetzt. Stellenweise wirkt „Ein neues Leben“ auf dramaturgischer, narrativer Ebene wie ein Flickenteppich, der jeden Moment auseinanderzureißen droht. Am gravierendsten dabei: Es fehlt diesem „Tatort“ schlichtweg eine glaubwürdige Haltung. Keine Figur wird mit einer Biografie versehen, so dass sie lebensnah und greifbar wirken könnte, auch und nachgerade Isabella und Sandra nicht, deren Motive für ihr eiskaltes, an die Grenzen des Sadismus stoßendes Verhalten ebenso im Dunkel bleiben, wie verschiedene Nebenstränge in der Handlung nicht auserzählt werden.

Hinzu kommt die unausgegorene Mischung verschiedener Subgenres, die allesamt nur angerissen werden und vom Psychothriller über den Polizeifilm bis hin zum Themenfilm über Drückerkolonnen und deren sektiererische Suppressionen reichen. Etwas mehr Geradlinigkeit und Entschiedenheit hätte auch hier gut angestanden.

Vielleicht sollte auch die seit geraumer Zeit bestehende Regel des stets wechselnden Kommissar-Zuarbeiters ausgesetzt oder besser noch abgeschafft werden. Zurück zum Wesentlichen. Zum Kern. Doch auch beim nächsten Münchner „Tatort“ zum Jahresende steht wieder ein neuer junger Polizeinovize im Büro von Leitmayr und Batic.

„Tatort – Ein neues Leben“, 20 Uhr 15, ARD

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