Krimi-TV : Das Wallander-Dilemma

Der TV-Kommissar löst sich zunehmend von Henning Mankells Romanfigur. Schwedens bekanntester Ermittler verwirrt die Zuschauer aber auch noch aus anderen Gründen.

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Rasant: Kommissar Wallander (Krister Henriksson, Mitte) und Staatsanwältin Katarina Ahlsells (Lena Endre), die gerade ihrem Sohn Elias (Noah Waldfogel) zum Motocross-Sieg gratuliert, kommen sich näher. Foto: ARD Degeto
Rasant: Kommissar Wallander (Krister Henriksson, Mitte) und Staatsanwältin Katarina Ahlsells (Lena Endre), die gerade ihrem Sohn...Foto: ARD Degeto/Yellow Bird/Nille Lea

„Was würdest du von Martinsson als Chef halten?“, will Kommissar Kurt Wallander von seinem Mitarbeiter und Vertrauten Nyberg wissen. Mit dieser Antwort hat er freilich nicht gerechnet. „Mich hat man gefragt, ob ich nicht zwei Jahre länger arbeiten will. Als Techniker bin ich eben nicht so leicht zu ersetzen wie du“, legt Nyberg das Dilemma schonungslos offen, in dem sich Schwedens bekanntester Fernsehkommissar befindet. Das Pensionsalter naht, die möglichen Nachfolger scharren bereits mit den Füßen. „Ich bin erst 45 und weiß, dass noch was in mir steckt“, hat Martinsson Wallander seine Pläne eröffnet.

Doch so schnell hört Wallander nicht auf. Zu Pfingsten laufen drei weitere TV-Krimis mit Krister Henriksson in der ARD. Die insgesamt 13 neuen Folgen sind keine Romanverfilmungen, sondern neue Geschichten, für die Wallander-Erfinder Henning Mankell die Vorlagen geliefert hat. Die Freunde des schwermütigen Schweden stecken allerdings noch in einem ganz anderem Dilemma. Mit dem zehnten Band der Romanreihe – „Der Feind im Schatten“ – hat sich Mankell gerade von seiner erfolgreichsten Romanfigur verabschiedet. Das gesundheitsbedingte Ausscheiden Wallanders aus dem Dienst trifft besonders die ARD-Reihe, denn nach der Lektüre des Romans fällt es ungleich schwerer, sich auf neue Wallander-Abenteuer einzulassen.

Zu dieser Drangsal gehört auch, dass Romanfigur und TV-Kommissar zunehmend getrennte Wege gehen. Im Buch leidet Kurt Wallander einerseits an den gesellschaftlichen Verhärtungen der schwedischen Gesellschaft, andererseits macht ihm eine Vielzahl von Krankheiten der Wohlstandsgesellschaft zu schaffen: Übergewicht, Zucker, zu viel Alkohol. Rolf Lassgard hatte die seelische und körperliche Pein im ZDF auf eine ebenso glaubwürdige wie sympathische Weise dargestellt.

Auch dem Shakespeare-Mimen Kenneth Branagh nimmt man es ab, wenn er in einer Neuinterpretation der Wallander-Rolle mit Gott, der Welt und den Verhältnissen in Ystad hadert. Ganz anders Krister Henriksson. Seine Figur steht für Askese, an ihm ist nichts Weiches. Wo Lassgard zögert, packt Henriksson energisch zu. Wo Branagh grübelt, bleibt bei Henriksson nur der Gesichtsausdruck eines Menschen, der tatsächlich nicht versteht, was die Staatsanwältin mit „emotionalen Sensoren“ im Umgang mit Untergebenen meint.

Hinzu kommt, dass in den Henriksson-Filmen Wallanders Tochter Linda nicht vorkommt. Nach dem Tod der Schauspielerin Johanna Sällström haben ARD und die Produzenten von Yellowbird entschieden, ihre Rolle nicht neu zu besetzen. Ebenso ist Ex-Frau Mona in den Hintergrund gerückt. Anders als der Lassgard-Branagh-Wallander darf sich Henriksson ein neues Leben mit neuen Möglichkeiten einrichten. Ein Haus am Strand, ein Hund, eine freundschaftliche Verbindung zu der attraktiven Staatsanwältin Katarina Ahlsell (Lena Endre) gehören dazu.

Das Wallander-Pfingsttrio beginnt mit dem Vollgas-Krimi „Der Kurier“, der im Milieu von Motorradrennen und Rockerclubs spielt. Mit Tempo 200 rast eine Rennmaschine zu Beginn die Straßen entlang, nachdem kurz zuvor die Zollschranke an der dänisch-schwedischen Grenze durchbrochen wurde. Einen Tag später wird der Fahrer mit gebrochenem Genick neben seinem Bike am Strand gefunden. Nur der Rucksack des Drogenkuriers, den man auf dem Überwachungsvideo des Zolls noch sah, ist verschwunden.

Am Sonntag in „Diebe“ geht es weniger rasant zu: Eine Bürgerwehr soll einen polnischen Schwarzarbeiter zu Tode geprügelt haben, auf einem Handy sind Fotos einer toten Frau gespeichert, bloß die Leichen findet die Ystader Polizei nicht.

„Die Cellospielerin“ am Montag entschädigt dafür mit einem Höchstmaß an Spannung. Musikliebhaber Wallander – er besitzt 2372 Schallplatten, aber den langweiligsten aller Klingeltöne – rettet die russische Solocellistin Irina Konchalevska (Sandra Stojiljkovic), die bei einem Bombenattentat in ihrem VW-Käfer schwer verletzt wird. Irina befindet sich in einem Zeugenschutzprogramm, weil sie gegen den Sohn des russischen Mafiapaten Leb Munchin (Baard Owe) aussagen will, der ihren Geliebten ermordet hat. Doch der Pate gibt nicht auf, es kommt zum Showdown zwischen ihm und Wallander.

Verzwickte Fälle, ein bedächtig agierender Kommissar, die Stimmung zumeist trüb – die neuen Krimis sind auch nach dem Ende der Romanfigur sehenswert. „Etwas Altes verliert im Laufe der Jahre nicht unbedingt an Wert“, sagt Wallander über das lädierte Cello und meint freilich etwas ganz anderes. Kurt Sagatz

„Mankells Wallander: Der Kurier“ am Freitag, „Diebe“ am Sonntag und „Die Cellospielerin“ am Montag, alle ARD um 21 Uhr 45

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