Krimi : Wenn die Praxen Trauer tragen

Ohne Risiko und Nebenwirkungen: Ein gut gemeinter Berlin-„Tatort“ zum täglichen Irrsinn im Gesundheitswesen.

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Ein Kind stirbt. Beim Notarzteinsatz geht es den Kommissaren Ritter (Dominic Raacke, 2.v.l.) und Stark (Boris Aljinovic, re.) nicht schnell genug. Foto: RBB
Ein Kind stirbt. Beim Notarzteinsatz geht es den Kommissaren Ritter (Dominic Raacke, 2.v.l.) und Stark (Boris Aljinovic, re.)...Foto: rbb/GORDON

Dicke Nase, Schnupfen, Virusgefahr, so wie die Protagonisten im Berlin-„Tatort“ unterwegs sind, kommt dieser Krimi schon mal ein paar Monate zu spät. „Edel sei der Mensch und gesund“ , heißt es im neuen Fall der Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic), eines der sympathischsten Pärchen im deutschen Fernseh-Krimi, das sich seit zehn Jahren der schlechten Laune und der Kriminalität in der Hauptstadt erwehren muss. Mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden und durchwachsenem Erfolg. Zwar ist der Berlin–Krimi seit den Zeiten eines Heinz Drache in Fahrt gekommen, bei Beliebtheitsumfragen landen die beiden Ermittler aber oft im hinteren Mittelfeld. Das wird sich mit dieser Ausgabe kaum ändern.

Schade, dadurch wird das stetige Bemühen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), im Reigen der gesellschaftlich-relevanten deutschen „Tatorte“ besonders gesellschaftlich-relevant zu sein, nicht belohnt. Nach dem dubiosen Fall in der Berliner Kunstszene zuletzt, dreht es sich beim Hauptstadt-„Tatort“ wieder um etwas Handfestes: den Irrsinn im Gesundheitssystem. Ein Rentner stirbt durch einen Medikationsfehler. Ritter und Stark wittern Pfusch beim Arzt und decken merkwürdige Abrechnungspraktiken auf. Ein fragwürdiges System, dem neben einer weiteren Toten am Ende ein Kind zum Opfer zu fallen droht, das an Mukoviszidose erkrankt ist und plötzlich nicht mehr die richtigen (und teuren!) Medikamente bekommt.

Seit Hitchcock kennen wir zwei Versatzstücke für einen guten Krimi: keine Lügen in Rückblenden und möglichst keine toten Kinder. Daran wurde hier haarscharf vorbeigeschrieben (Buch: Dinah Marte Golch und Gerhard J. Rekel). Immerhin, die Guten sind nicht nur die Guten, die Bösen nicht nur die Bösen – aber damit klopft sich ja mittlerweile jeder ambitionierte Fernseh-Krimi auf die Brust. Da kann die Kamera (Regie: Florian Froschmayer) noch so schön über fahle Gesichter und winterliche Straßen–Schluchten rund um den Rosenthaler Platz fahren. Obacht, wie trist Berlin-Mitte sein kann. Und wie scharf dieser Till Ritter, der ewige Junggeselle. Das Spannendste sind noch die flirtenden Blicke zwischen dem umtriebigen Kommissar und der Café-Besitzerin Susanne (Kirsten Block). Selbst der sonst so gemächliche Assistent Weber (Ernst-Georg Schwill) darf bei diesem Tempo auch mal außerhalb seines Büros ermitteln.

Immerhin, ein gut gemeinter Krimi über den alltäglichen Irrsinn im Gesundheitswesen, im Auftrag des Kassenpatienten. Zumindest auch mal dem FDP-Gesundheitsminister zur Anschauung empfohlen. Nicht nur dem ständigen niesenden Hauptkommissar Stark wünschen wir gute Besserung, Sonnenstrahlen und bessere Bücher. Zu weiteren Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Markus Ehrenberg

„Tatort - Edel sei der Mensch und gesund“, ARD, 20 Uhr 15

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