Krimi : Zwischen Macht und Moral

Um jeden Preis? Der neue Münchner „Tatort“ spielt im Gewerkschaftsmilieu

Thilo Wydra

Wie sehr verändert man sich, wenn man immer mehr Macht bekommt? Wie fühlt sich das an, entscheiden zu müssen zwischen dem Weg der Moral und dem Weg der Macht? All die Verführungen, die da mitschwingen, all die Gier, die antreibt. Das sind Fragen, die der neue Münchner „Tatort“ aufwirft. Ambivalente Fragen, hochaktuelle zumal, angesichts der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen finanziellen und moralischen Verluste.

In diesem Dilemma befindet sich auch der Münchner Gewerkschaftsführer Leo Greedinger (Thomas Sarbacher). Vorstandswahlen stehen an. Greedinger hat beste Aussichten darauf, gewählt zu werden. Gewiss, eine weiße Weste braucht es dafür, außerdem will Greedinger sich unbedingt noch dafür einsetzen, dass in Ingolstadt die bedrohten 5000 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Das meint er ernst. Doch als der junge Journalist Rainer Truss an einem Strick baumelnd unter einer Isarbrücke gefunden wird und alles für einen Selbstmord spricht, da findet sich plötzlich eine Verbindung, die von Rainer Truss zu Leo Greedinger führt.

Videos tauchen auf, auf denen Greedinger in Truss’ Wohnung zu sehen ist. Die letzten beiden Handyanrufe des Toten gingen bei Greedinger ein. Die Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sind gefordert, diesmal besonders, da Ivo den Greedinger seit der gemeinsamen Jugendzeit kennt.

Dieser „Tatort“, von Peter Fratzscher nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch inszeniert, ist ein Film in einem sozialpolitischem Kontext. Wie wirkt die Politik auf die Menschen, auf den Einzelnen? Wie können die Anliegen eines Einzelnen in der Politik umgesetzt werden? Der Film zeigt: Es ist eine Gratwanderung, und der Grat zwischen Gut und Böse, zwischen Altruismus und Gier, ist schmal. Leo Greedinger ist die Figur, die diese Gratwanderung versucht. Da hat einer sozial relevante Anliegen, doch wie er sie umsetzt, wie er zudem das gewerkschaftliche Machtgefüge zu halten versucht, das ist weniger integer. Thomas Sarbacher stellt diesen Mann, der einen knorzigen, alten Vater (Fred Stillkrauth) hat, mit dem er sich ständig überwirft, glaubhaft dar in seiner inneren Zerrissenheit.

Einmal, als sie sich im verschneiten Vorgarten anschnauzen, sagt der Sohn zum Vater, er solle doch endlich mit seinem Sozialkitsch aufhören. Woraufhin der Alte erwidert, man habe ihn, seinen Sohn, doch längst schon gekauft, gelackt und glatt, wie er da vor ihm stehe. Doch eigentlich wollen beide nur dasselbe: soziale Gerechtigkeit.

Dass Leo Greedinger, in den sich der homosexuelle Journalist Rainer Truss unglücklich verliebt hat, über die ihm nachgesagte Affäre beinahe zu Fall kommt, es auch um Erpressung geht und alle Seiten gegen ihn arbeiten, neben der Boulevardpresse auch Leute aus den Gewerkschaftsreihen, das wird in diesem Krimi schön herausgearbeitet und präzise nachgezeichnet.

Und bei alledem bleibt die Frage, wem überhaupt man noch vertrauen kann. Eine Frage, die sich diesmal insbesondere Ivo Batic stellen muss, der es mit seiner Befangenheit seinem alten Freund Greedinger gegenüber dem Kollegen Leitmayr nicht eben leicht macht. Wenn Batic mögliche Beweismaterialien vor Leitmayr versteckt, um seinen Jugendfreund zu schützen, stellt sich zwischen den langjährigen Kollegen in diesem nunmehr 53. gemeinsamen Fall die Vertrauensfrage.

„Tatort – Um jeden Preis“,

ARD, 20 Uhr 15

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