Kriminell in Münster : „Wenn es wehtut, wird es richtig lustig“

Leonard Lansink im Interview über schwache Männer, Privatdetektiv Wilsberg und die „Wilde Hilde“.

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Leonard Lansink gibt sich als Münsteraner Privatschnüffler Georg Wilsberg zuweilen recht unnahbar. In der Folge „Tote Hose“ (ZDF, 20 Uhr 15) kann ihn selbst die schöne Denise (Bianca Hein) nicht umgarnen. Foto: ZDF
Leonard Lansink gibt sich als Münsteraner Privatschnüffler Georg Wilsberg zuweilen recht unnahbar. In der Folge „Tote Hose“ (ZDF,...

Herr Lansink, haben Sie abgenommen?

Ein bisschen. Ich habe Theater gespielt, 50 Vorstellungen des Stücks „Ein seltsames Paar“ mit Heinrich Schafmeister. Ich kam nicht zum Essen. Abends musste man spielen, danach waren die Hotelküchen zu.

Tut das Abnehmen auch dem knorrigen Nebenberufsdetektiv gut oder anders gefragt: Wie viel Lansink steckt in Wilsberg?

Wir nutzen es aus, dass wir in der Reihe so familiär miteinander umgehen können. Deswegen verstellen wir uns alle nicht mehr so. Es hat sich gezeigt, dass die Nähe von Personen und Rollen gut passt. Das gilt genauso für mich wie für Rita Russek, Ina Paule Klink und Oliver Korittke. Wir müssen nicht wirklich jemand anderen spielen, sondern höchstens die unangenehmsten Eigenschaften weglassen.

Gibt es ein persönliches Leitmotiv, das sich in der Rolle wiederfindet?

Es gibt für Wilsberg kein Motto wie beim Tagesspiegel ...

… rerum cognoscere causas …

… aber das könnte auch für Wilsberg passen, den Dingen auf den Grund gehen. Mein Leitmotiv ist: Nicht beim Schauspielen erwischen lassen. Ich mag diese Art der Schauspielerei, die die alten Kollegen können wie Robert Mitchum oder Lino Ventura und Jean Gabin. Nicht so mag ich es, wenn Schauspielerei anstrengend oder angestrengt aussieht. Dummerweise ist das dem Publikum nicht so geläufig. Das genießt es, wenn es die Anstrengung sieht. Ich merk’ das immer bei Preisverleihungen. Es gewinnen oft die Leute, die sich bemühen müssen.

Aber Konsequenz gehört nicht zu Ihren Leitmotiven?

Sie meinen, dass ich mal Lymphdrüsenkrebs hatte und immer noch rauche? Das stimmt und ist doof. Aber bisher ist der Druck noch nicht groß genug.

Auch sonst sind Sie Genussmensch. Was ist eigentlich eine „Wilde Hilde“?

Das ist doch einfach. Die „Wilde Hilde“ hat Hildegard Knef erfunden. Das sind ein kleines Pinchen Champagner und ein kleines Pinchen Wodka, beides eiskalt. Zuerst schüttet man den Wodka runter und gießt dann den Champagner hinterher. Und das törnt wirklich super, weil der Alkohol wegen der Kohlensäure schneller in die Blutbahn gelangt.

Zu Wilsberg passt das nicht.

Der trinkt Flaschenbier. Am Anfang haben wir sogar viel geraucht. Dann war aber der zuständige Redakteur so vernünftig, dass man dies den vielen Kindern, die am Samstagabend vor dem Fernseher sitzen, nicht vormachen muss.

Die Kinder, die zu der Zeit ohnehin bei Bohlen und den „Superstars“ sind?

Klar ist der Samstagabend schwierig. Aber die ZDF-Programmabteilung setzt ganz bewusst dagegen. Wir gewinnen vielleicht nicht gegen Bohlen oder die Volksmusik, aber wir nehmen denen genug ab. Das ehrt uns, ist aber auch traurig, weil wir so nie auf die sechs oder sieben Millionen Zuschauer kommen, die wir eigentlich verdient haben.

Bevor Wilsberg 1998 auf die TV-Bildfläche trat, war der Berufsstand des Privatdetektivs durch Namen wie Sam Spade oder Magnum geprägt. Wären Sie lieber in dieser Tradition geblieben?

Claus Theo Gärtner als Matula gab es schon. Philip Marlowe finde ich prima, er hat nicht so viel Text, denkt mehr, raucht viel. Kriegt ab und zu aufs Maul, teilt aber auch aus. Die Schwarze Reihe ist schon ein Riesenvorbild. Als ZDF-Redakteur Martin Neumann Wilsberg ins Programm gebrach hat, standen im Sender gerade ganz viele Ideen unter dem Motto „Starke Frauen“. Er wollte den schwachen Mann dagegensetzen.

Über die Zeit ist Wilsberg dann quasi zur Rolle Ihres Lebens geworden.

Ich mach’s gerne. Bisher gibt es keinen Verschleiß und es beschäftigt mich gut. Auf der Straße werde ich immer mit Herr Wilsberg angeredet. Die meisten Menschen haben ein besseres Gedächtnis für Gesichter als für Namen. Aber das stört nicht. Das war für Götz George und Schimanski nicht anders.

Der gezeigt hat, dass er auch anders kann.

Ich nehme Gelegenheiten gerne wahr, wenn sie sich bieten. Aber das Wilsberg-Dasein macht mich so froh, dass ich viele Dinge nicht machen muss, so für die Miete. Um jeden Preis etwas anderes spielen, das sollen andere machen.

Das passt zu Ihrer pragmatischen Einstellung zum Schauspielerberuf.

Ich bin so aus Faulheit da reingeschlittert. Am Anfang habe ich mich in anderen Rollen gesehen, ich habe gerne Shakespeare gespielt. Ich bin eigentlich wegen des Theaters Schauspieler geworden und nicht wegen des Fernsehens. Irgendwann hat mich das Fernsehen so eingeholt, und ich habe mich gerne einholen lassen.

Der Titel der neuen Wilsberg-Folge heißt „Tote Hose“ und Ekki Talkötter wirft Wilsberg vor, dass bei ihm altersbedingt sexuell nichts mehr passiere. Zuckt da nicht der Schauspieler hinter der Rolle doch ein wenig zusammen?

Dass ich alt werde, merke ich auch ohne Oliver Korittke. Aber ich finde solche Dialoge großartig. Es muss wehtun, dann wird es erst richtig lustig. Aber einen Stich gibt es nicht. Wenn mir meine Freundin sagen würde, ich sei ein fetter, alter, hässlicher Mann, dann würde ich mich wundern. Oliver Korittke darf sagen, was er will.

Auch auf Ihrer Facebookseite ist zu lesen, dass Sie inzwischen in einer Beziehung sind. Ist das der Grund, warum Wilsberg zuletzt weniger grantig wirkte?

Das kann sein, ich bin etwas gesprächiger geworden. Das brauche ich, um die Gesprächigkeit meiner Freundin ein bisschen in Zaum zu halten.

Der Zuschauer wird also nicht auf den vorgezogenen Ruhezustand von Georg Wilsberg vorbereitet?

Bisher geht alles seinen gewohnten Gang und wir warten auf die anderen guten Drehbücher. Im Moment drehen wir zwei neue Wilsberg-Folgen, für das nächste Jahr sind vier geplant. Aber genau wie für andere Reihen gibt es keine Verträge über dieses Jahr hinaus.

Sie leben in Berlin und sind Mitglied der SPD. Werden Sie aktiv in den Wahlkampf ums Abgeordnetenhaus eingreifen?

Berlin ist eine Stadt, die lebt. Man hat alles, was man will, und muss es zugleich nicht wahrnehmen. Wenn Klaus Wowereit das wünscht, kann ich sicherlich im Wahlkampf etwas tun. Aber er hat mich noch nicht gefragt. Wahrscheinlich verorten mich auch alle Genossen und Genossinnen in Münster eher als hier.

Ist eine Parteimitgliedschaft für einen Schauspieler nicht eher schädlich?

Das Problem ist eher, dass es keiner macht. Generell klagen alle Parteien über Mitgliederschwund. Die Leute gehen weniger zur Wahl, es ist ein allgemeines Problem, dass sich zu wenige Leute äußern.

Das Gespräch führte Kurt Sagatz.

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