Krimireihe : Hannibal Lector an der Alster

In der „Nachtschicht“ wird Jagd auf einen schizophrenen Mörder gemacht. Doch der Verbrecher will selbst den Täter stellen.

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Die Kommissare Erichsen (Armin Rohde) und Brenner (Barbara Auer). Foto: ZDF
Die Kommissare Erichsen (Armin Rohde) und Brenner (Barbara Auer). Foto: ZDFFoto: Stephan Persch

Die „Nachtschicht“-Reihe gehört zu der am meisten unterschätzten Krimi-Marke im deutschen Fernsehen. Dabei ist das, was Autor/Regisseur Lars Becker und sein Schauspielerteam um Barbara Auer und Armin Rohde ein, zwei Mal im Jahr abliefern, neben „KDD – Kriminaldauerdienst“ das Beste, was das Genre hierzulande hergibt. „Ein Mord zu viel“, den das Erste an diesem Montag zeigt, ist bereits der neunte Krimi dieser Serie.

Vielleicht ist diese Geschichte um einen schizophrenen Mörder nicht gerade ein Bravourstück in puncto Glaubwürdigkeit. Der Faszination dieses Krimis, die sich dem umgeschminkt-lakonischen Ton und der dichten Machart verdankt, tut das keinen Abbruch.

„Wir machen die Drecksarbeit, wenn es Ihnen dreckig geht, kommen wir“, sagt Hauptkommissar Erich Erichsen (Armin Rohde). Der Dreck kommt diesmal direkt aus dem Hamburger Gerichtssaal, wo sich der mehrfach vorbestrafte Gewalttäter Pinky Brühl (grandios in seiner fürchterlichen Moralität: Misel Maticevic) wegen vierfachen Mordes verantworten muss. Ein Opfer, eine junge Frau, ist entführt, gefoltert und vergewaltigt worden, hatte durchgeschnittene Achillessehnen. Brühls’ Therapeutin, eine Freundin von Kommissarin Lisa Brenner (Barbara Auer), erklärte den Verdächtigen in einem Gutachten für paranoid-schizophren. Brühl kann sich aber „nur“ an drei Morde erinnern, flieht aus dem Gericht und macht sich mit dem Anwalt Rockenbach als Geisel auf die Suche nach dem Nachahmungstäter.

Was sich Becker bei dieser Ausgabe in Sachen falsche Fährten, Verdächtige und Konterbande mit einem Ausrutscher in die verpfuschte Kindheit von Pinky Brühl ausgedacht hat, ist recht dick aufgetragen. Hannibal Lector an der Alster.

Nie aus dem Blick gerät die Balance aus Kriminalfall, Milieuschilderung und Spannungen im dreiköpfigen Ermittlerteam: Erichsen, der Dubios-Ruppige, der mehr Kontakte zum Kiez hat, als ihm lieb sein kann; Brenner, die Coole, Rationale und Kommissarin Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi), die Sanfte, der man mehr Profil und Einsätze wünschen würde.

Bis in die Nebenrollen ist dieser Krimi klasse besetzt (Lars Rudolph, Joachim Krol, Nora von Waldstätten, Katja Flint, Olli Dittrich). Viele schimpfen über die Inflation von Krimis im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Bei „Nachtschicht“ hat man das Gefühl, es müsste nie wieder Tag werden. Markus Ehrenberg

„Nachtschicht – Ein Mord zu viel“, ZDF, 20 Uhr 15

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