Medien : Krimis: Kottans Kinder

Markus Huber

"Sinan Toprak" ist ein ganz ernst zu nehmender Krimi und ein spannender noch dazu. Clevere Gangster, knifflige Fälle und ein unbestechlicher Kommissar - alles, was zu einem klassischen Krimi gehört. Und doch, hin und wieder blitzt in der RTL-Serie etwas auf, was so ganz und gar nicht typisch ist - Surrealität. Mal robbt Toprak-Darsteller Erol Sander in seinem schwarzen Anzug durch den Schmutz, und wenn er dann aufsteht, ist kein einziger Dreckfleck zu sehen; mal hat der etwas eigenartige Chef einen noch viel eigenartigeren Hang zu Gift-Schlangen; und dann sind da natürlich auch noch die Szenen, in denen Toprak und sein Kollege miteinander sprechen: Obwohl sie sich pro Folge mindestens einmal gegenseitig das Leben retten, sind die beiden per Sie. Schräg? Ja. Lustig? Ja. Und erfolgreich.

Wenn heute abend um 21 Uhr 15 Erol Sander auf RTL seinen letzten Kriminellen verhaftet, dann ist erst einmal Schluss mit "Sinan Toprak ist der Unbestechliche". Acht Folgen hatte der Kölner Sender als erste Staffel ausgestrahlt. Weil die Serie bei den Zuschauern sehr gut ankam, wird es bald Fortsetzungen geben. Denn Toprak ist nicht nur gutgemachte Fernsehunterhaltung mit einem gutaussehenden Kommissar - er passt auch gut in eine neue Krimi-Philosophie, die die privaten Programmmacher im Moment verfolgen. Die Serien müssen nicht nur spannend sein - sie müssen vor allem Humor haben.

"SK Kölsch", montags auf Sat 1, zum Beispiel. Im Kölner Morddezernat geht es vor allem um die Dialoge der beiden Kommissare Schatz und Taube. Taube ist schwul und aus Düsseldorf, ergo ein natürliches Feindbild für den Kölner Ober-Hetero Schatz, der außerdem nur den 1.FC Köln im Kopf hat. Zur kriminalistischen Hochform läuft er höchstens auf, wenn ein Anschlag auf Geißbock Hennes, das FC-Maskottchen, verübt wird. Soviel zur Handlung.

Der Trend soll fortgesetzt werden. Bei Sat 1 läuft im Herbst eine schon länger geplante Ruhrpott-Variante von "SK Kölsch" an: "Die Kumpel" so der Serientitel, sind zwei ruppige Kommissare, die mit viel Klamauk und Wortwitz kleine Fälle im Ruhrpott lösen. Den weitesten Vorstoß ins Ulk-Fach wird ab Herbst RTL wagen: Dann nämlich soll die neue Serie "Zwei Engel auf Streife" in Serie gehen. Der Pilotfilm lief am 3. April und erreichte mit einem Marktanteil von 17 Prozent und einer Gesamtzuschauerzahl von 5,12 Millionen sofort eine Traumquote - Rang zwei hinter der "Tagesschau". Auch hier ist die kriminalistische Rahmenhandlung eher nebensächlich. Ein über alle Maßen korrupter Streifenpolizist wurde bei der Abwicklung seiner krummen Machenschaften erschossen, kehrt als Engel auf die Erde zurück und muss nun seinen Nachfolger beschützen. Das alles gipfelt in Ermittlungen, die mehr an eine Parodie als an einen Krimi erinnern. Vor allem "Zwei Engel auf Streife" erinnert stark an eine österreichische Kultserie, die Ende der 70er Jahre von Wien aus den deutschen Fernsehmarkt eroberte: "Kottan ermittelt". In dieser Krimi-Satire von Regisseur Helmut Zenker musste Kottan alias Lukas Resetarits weniger ermitteln als vielmehr rumalbern. Da wurde mit Spielzeug-Pistolen rumgeballert, jahrelang konnten die Zuschauer den skurrilen Kampf des Polizeipräsidenten mit der Kaffeemaschine beobachten. Zum Ende jeder Folge wurde im Kommissariat noch laut gesungen - "Kottans Kapelle" trat sogar im echten Leben in einigen Wiener Szene-Lokalen auf.

Soweit wollen die Fernsehmacher heute denn doch nicht gehen: "Eine gewisse Realitätsnähe wollen wir schon beibehalten", sagt Sat 1-Sprecher Dieter Zurstraßen, selbst ein erklärter Kottan-Fan: "Aber wir wollen den Zuschauern in den Krimis vermehrt Unterhaltung bieten. Die witzigen Dialoge dabei werden immer wichtiger." Zurstraßen sieht in diesem neuen Genre eine fiktionale Weiterentwicklung der Container-Shows: "Der Container ist vorbei. Aber die Menschen wollen zur Zeit mehr Lebensnähe im Fernsehen. Auch bei den Krimis darf nicht mehr alles so glatt und reibungslos passieren. Es muss lustige Pannen geben, die die Hauptdarsteller greifbar machen."

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