Krimis mit Schmäh : Wien kann so sexy sein

Gleich zwei Filme mit Schmäh, darunter der neue "Tatort" mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser: Ein bisschen von der österreichischen Lockerheit würde deutschen Krimis gut zu Gesicht stehen. Selten war Nichtverstehen so sexy.

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„An Steck’n hobt’s Ihr Deitschen im Popo. Unlocker seid’s“, grantelt der Wiener Polizist Albert Schuh. Beim deutschen Kollegen Thorsten Richter regt sich Gegenwehr: „Ach ja, und Sie haben wohl den berühmten Wiener Schmäh. Schlamperei, Faulheit, Unfreundlichkeit – so nenn ich das.“ Polizeialltag in der Hauptstadt der Alpenrepublik. Ein hüftsteifer deutscher Jungspund trifft auf ein latent korruptes Wiener Urviech. In der überaus sehenswerten ZDF/ORF-Koproduktion „Willkommen in Wien“, die am Montagabend läuft, befruchten sich preußische Korrektheit und Wiener Schmäh gegenseitig im Kampf gegen die Russenmafia. So wunderbar pointiert wie in der Kriminalkomödie von Grimme-Preisträger Nikolaus Leytner („Ein halbes Leben“) prallten seit der „Piefke-Saga“ nicht mehr deutsch-österreichische Mentalitäten aufeinander.

Und selten war Nichtverstehen so sexy. Wie schon Karl Kraus gesagt hat: „Was den Österreicher vom Deutschen trennt, ist die gemeinsame Sprache.“ Da ist die „Bagasch“ (Kriminelle) am Drücker, da wartet der „Heh“ (Polizist) auf einen „Zund“ (Tipp), da „bemmerlt“ sich der „Oarschkieberer“ (Scheißbulle) von der Mordkommission auf (sich aufspielen), da „schnackselt“ (koitieren) der „Piefke“ (Deutsche) mit einer Betrügerin, und die Polizeichefin bilanziert: „Alles Gschisti Gschasti!“ (unnützes Zeug). Diese sprachlichen Unwägbarkeiten sollten kein Hinderungsgrund sein, sich den Film anzuschauen. Denn jener Thorsten Richter, überkorrekt und dienstbeflissen, ist ständig mit Stift und Block unterwegs: „Bagasch = Krimineller, Schass = Darmwind“, notiert er und lernt die neuen Vokabeln auswendig. Außerdem sind für die Ausstrahlung in Deutschland einige Passagen neu synchronisiert worden. Wem das zum Verständnis noch nicht reicht, dem bietet das ZDF eine Untertitelung auf Videotextseite 777 an.

So viel Mühe musste sich die ARD beim „Tatort“ aus Wien heute Abend nicht machen. In „Ausgelöscht“ sprechen Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser eine Mundart, die nicht weniger verständlich ist als das, was sich die Münchner an verbalem Lokalkolorit im BR-„Tatort“ leisten. Krassnitzers 25. Einsatz als Ösi-Ermittler ist ein Höhepunkt der Reihe. Das liegt vor allem an der „Frischzellenkur“, die der ORF seinem „Tatort“ angedeihen lässt. Assistentin Bibi Fellner, im März als eine Figur am Rande des Abgrunds eingeführt, belebt Einzelgänger Eisner. Traumwandlerisch sicher bewegen sich der Vorzeige-Österreicher und die griechische Wienerin unter der konzentrierten Regie von Harald Sicheritz durch die düstere Szenerie mit in Einkaufswagen abgelegten Leichen.

Diese Thriller-Schnurre muss man nicht unbedingt als so düster wahrnehmen. Denn neben der Vergeblichkeit der Polizeiarbeit schimmert leise Ironie durch die stellenweise brutale Handlung. Das geht gleich gut los mit der gesundheitlichen Prognose für den Herrn Sonderermittler: „Vom biologischen Alter her hast du die Werte von einem 30-Jährigen“, bilanziert Eisners Ärztin, „allerdings von einem, der mit 15 angefangen hat, zu saufen, Kette zu rauchen und der sich ausschließlich von Junk-Food ernährt.“ Ein Kommissar auf Diät und eine Assistentin auf Entzug, die ein intimes Verhältnis zu einem Ex-Knacki pflegt („Mehr als Petting war da nie“) – das ist keine jener so häufigen Kopfgeburten eines Drehbuchautors. Das ist die perfekte Chemie. Das ist Yin und Yang. Und die Schlusssequenz besitzt mehr vom Kino-Gestus als von der kleinmütigen Art deutscher „Tatort“-Ermittler.

„Willkommen in Wien“ und der „Tatort – Ausgelöscht“ haben etwas, was vielen Fernsehfilmen hierzulande fehlt: Dialekt wird immer häufiger gemieden – des Verstehens wegen. Dabei ist Mundart über ihr unterhaltendes Moment hinaus auch Lebensart und Wesensart. Quasi im Vorbeigehen, sinnlich und häufig mit einem Augenzwinkern, bekommt der Zuschauer in diesen beiden Ausnahme-Produktionen so viele Details mitgeliefert, dass man gar nicht alles zu verstehen braucht. Die vor sich hin grantelnden und sich permanent neckenden Ermittler erscheinen wie eine neurotische Variante des komödiantischen Beiseitesprechens. Ein bisschen von dieser österreichischen „Lockerheit“ würde auch den deutschen Zuschauern und Redakteuren gut zu Gesicht stehen.

Darüber hinaus besitzen Nikolaus Leytner, Uli Brée und Harald Sicheritz ein Gespür für Sprachwitz und Timing. Da stimmt jede Szene, da gibt es keine falschen Dialoge. Ein gefundenes Fressen für Krassnitzer, Neuhauser oder einen wie Wolfgang Böck. Der spielte einst Trautmann in der gleichnamigen ORF-Krimi-Reihe, die der Sender Anfang der 2000er Jahre als zweiten „Tatort“ nach Deutschland exportieren wollte und die die ARD damals wegen des starken Wiener Dialekts stoppte. Das ZDF könnte es jetzt besser machen. Auf der Suche nach einem neuen Format des beliebten Kriminalkomödien-Genres schreit „Willkommen in Wien“, diese deutsch-österreichische Piefke-meetsKieberer-Mär, geradezu nach einer Reihe.

„Tatort - Ausgelöscht“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15; „Willkommen in Wien“, Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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