Medien : Krise? Welche Krise?

Wie Lesezirkel von der schlechten Wirtschaftslage profitieren

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Günther Hildebrand nimmt die Brille von der Nase und sagt leise, fast entschuldigend zu seinen Kollegen: „Ich habe überlegt, ob ich überhaupt was zu Wella sagen soll.“ Er hat es dann doch getan, obwohl es eigentlich nicht zu ihm passt. Hildebrand ist Vorsitzender des Verbands Deutscher Lesezirkel und als solcher geradezu ein Abbild seiner Innung: Freundlich, bescheiden, solide – keine große Amplitude, wie er sagen würde. Auf der Jahrestagung musste er sich sichtlich überwinden, den Haarspraygiganten Wella zu schelten, weil der mit einer eigenen Lesemappe „zu Dumpingpreisen“ die LesezirkelDomäne der Friseure angreift. Er habe nichts gegen Konkurrenz, sagt Hildebrand vorsichtig, aber es müssten für alle die gleichen Bedingungen gelten. „Man kann sich nicht nur die Rosinen herauspicken. Und dass man die alten Zeitschriften wieder abholt, gehört eben auch zum Lesezirkel.“ So will es die Tradition.

Was sonst noch so alles dazugehört zum Lesezirkel, ist für viele immer noch ein Rätsel. Natürlich kennt jeder die in Schutzhüllen eingeschlagenen Zeitschriften von Arzt- oder Kneipenbesuchen, aber wer weiß schon, dass man sie auch privat beziehen kann? Dabei sind mehr als die Hälfte der 2,5 Millionen Lesezirkel-Kunden Privathaushalte. „Die Geschichte mit dem Bringen und Holen ist halt erklärungsbedürftig“, gibt Hildebrand zu und beginnt zu erklären: Man kann Lesemappen mieten, die aus mindestens fünf Zeitschriften bestehen und wöchentlich neu geliefert werden. Eine neue Erstausgabe kostet im Schnitt etwa die Hälfte des normalen Kiosk-Preises. Doch das eigentliche Geschäft für die etwa 180 Lesezirkel-Unternehmen, zum Großteil Familienbetriebe, ist die Weitervermietung: Die alten Zeitschriften werden wieder abgeholt und vier Mal, auf dem Land sogar bis zu sieben Mal weitergegeben. Je älter eine Ausgabe, desto günstiger ist sie für den Kunden.

Gerade in Zeiten, in denen die Leute ihr Geld zusammenhalten, läuft der Absatz gut. „Ökonomische Täler sind fast ein Vorteil für uns“, sagt Hildebrand. „Dafür geht es in besseren Zeiten bei uns aber auch nicht so steil bergauf. Wir haben keine große Amplitude.“ Der Gesamtumsatz liegt auch inmitten der Medienkrise mehr oder weniger konstant bei 175 Millionen Euro. Bei dieser Solidität und Tradition – der erste Lesezirkel wurde bereits 1609 gegründet – verwundert es schon, dass die Leserschaft im Schnitt recht jung, gebildet und einkommensstark ist. Eine wirkliche Erklärung hat auch Hildebrand dafür nicht, vermutlich achte diese Zielgruppe einfach nur besonders auf ihr Geld. Aber immerhin weiß er, warum nach dem „Stern“ gleich sieben klassische Frauentitel ganz oben in den Lesezirkel-Charts stehen. „Die Entscheider in den Familien sind nun mal meist die Frauen“, sagt Hildebrand. „Sie bestimmen, was abonniert wird.“ chh

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