Ohne Zeitungen könnten sie zumachen, nur Zeitungen verkaufen geht aber auch nicht.

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Krisenreport aus einem Zeitungskiosk in Berlin : Es ist ein Kampf, sagt Herr Allenstein
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Klaus und Siegrid Allenstein sind die Eigentümer des Zeitungskiosk in der Ackerstraße 166 in Berlin Mitte. Geöffnet jeden Tag, außer sonntags, von ganz früh, 6.30 Uhr bis zum Schluss 18.30 Uhr stehen beide im Kiosk.
Klaus und Siegrid Allenstein sind die Eigentümer des Zeitungskiosk in der Ackerstraße 166 in Berlin Mitte. Geöffnet jeden Tag,...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ohne die Zeitungen, sagt Frau Allenstein, könnten sie gleich zusperren. Aber mit den Zeitungen alleine auch nicht überleben, das ist klar. Das war schon immer so.
Und doch ist es in den vergangenen Jahren noch einmal spürbar weniger, schwieriger geworden. Früher, sagt Frau Allenstein, haben sie fünfzehn „Spiegel“ verkauft. Heute werden sie in einer Woche noch zwei los. Vielleicht auch mal fünf. Kommt auf den Titel an.
Alle Zeitungen gehen schlechter. Sagt Frau Allenstein. Morgens kommt einer, der kauft zwei „Süddeutsche“ und zwei Tagesspiegel. Für das Café die Straße runter. Das war’s dann erst mal.
Vor zehn Jahren, die „Spiegel“-Auflage noch deutlich über einer Million und nicht deutlich darunter, war die Bar an der Ecke noch eine Fußballkneipe, war die Torstraße noch irgendwie richtig Osten. Die Wende kam zeitverzögert.
Dann aber richtig.

Die 3-Tage-Broccoli-Diät geht immer noch

Neue Menschen, neue Gardinen, zugezogen. Aber eben nicht: neue Kunden.
Die aus dem anderen Deutschland, sagt Herr Allenstein, die lassen sich hier nicht blicken.
Bleiben die Stammkunden.
Der 90-Jährige, der seine „Sport-Bild“ kauft. Und Zigaretten.
Oder die Kindergärtnerin. Eine „B.Z.“, eine „Bild der Frau“.
Das zumindest geht immer noch gut. „Bild“ und Kreuzworträtsel. „Kurier“ und 3-Tage-Broccoli-Diät. Jenny Elvers, die Royals. Das Paul-Sahner-Menü. Post von Wagner. Klatsch – mitten ins Gesicht.
Aber sonst? Nüscht, sagt Herr Allenstein. Sagt auch Frau Allenstein.
Stehen dort, schütteln die Köpfe. Stehen in ihrem Laden, der noch immer so aussieht wie vor 15 Jahren schon. Als man die Republik noch allein mit der „Bild“-Zeitung regieren konnte. Schröder-Deutschland. Würfelzucker-Deutschland. Wundertüten-Deutschland. Der Konsalik kostet 3,50 Euro, die Telefonkarten sind vom Umtausch ausgeschlossen.
Sie haben den Lottocomputer und die Nescafé-Kaffeemaschine. Internet aber haben sie nicht. Das würde nicht passen. Und ohnehin: Das mit dem Internet, das hat Herr Allenstein gleich verstanden, ist ja so eine Sache.

Das Digitale: Auch so ein neues Land

Wir hatten mal einen Kunden, sagt Herr Allenstein, der ist über Jahre gekommen. Und Frau Allenstein nickt. Der hat immer die „Berliner“ gekauft. Bis die „Berliner“ zehn Cent teurer geworden ist, da kam er nicht mehr. Sagte, zum Abschied, das kann ich auch im Internet lesen.
Weg war er, so schnell konsste janich kieken.
Mit dem Internet können sie in ihrem Kiosk nicht mithalten. Auch klar.
Um in ihren Kiosk zu gelangen, muss man vier Stufen nehmen.
Das Internet, die neuen journalistischen Plattformen, das ganze blinkende, schreiende, bilderstreckende Online-Angebot aber ist nie weiter entfernt als eine kurze Bewegung des Zeigefingers.

Die Wanderung des Lesers. Auch so eine Wende.
Das Digitale. Auch so ein neues Land.
Muss man sich erst mal dran gewöhnen. Dauert.
Ich bin nur ein einfacher Mann, sagt Herr Allenstein.
Steht da in dem Laden, der weit weg ist von E-Paper, von Algorithmen und der „Huffington Post“. Und sagt einen ganz einfachen Satz: Wenn man die Zeitung umsonst ins Netz stellt, muss man sich doch nicht wundern, dass das Geschäft nicht mehr läuft. Sagt: Das ist Irrsinn. Im Laden kostet die doch auch was.
Schulterzucken, watt soll ick machen. Ist jetzt eh zu spät.
Und am Abend räumt er die Zeitungen in die Kiste, was immer ist, als würde man den Tag zu Grabe tragen. Altpapier und Internet. Hoffentlich, sagt Frau Allenstein, geht das noch ein Jahr gut. Das mit den Zeitungen. Dann gehen sie in Ruhestand, dann interessiert es sie nicht mehr.
Bis dahin muss es noch, irgendwie.
Herr und Frau Allenstein verkaufen seit einiger Zeit auch iTunes-Gutscheine.
Herr und Frau Allenstein bieten seit einiger Zeit auch Trockenreinigung an.

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